Tornadoverdacht Hambrücken /Karlsruhe 23.7.2006

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Felix Welzenbach

Tornadoverdacht Hambrücken /Karlsruhe 23.7.2006

Beitrag von Felix Welzenbach » Sonntag 23. Juli 2006, 00:54

Zuletzt geändert von Felix Welzenbach am Sonntag 23. Juli 2006, 15:14, insgesamt 1-mal geändert.

Thilo Kühne
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Beitrag von Thilo Kühne » Sonntag 23. Juli 2006, 01:51

Hallo Felix,


wie ich schon in der WZ schrieb, halte ich diese Schäden für T3/F1. T4/F2 könnte punktuell, und da gebe ich dir Recht, auch aufgetreten sein, aber deutliche Merkmale dazu lassen sich mM nicht erkennen. Das Gebiet müsste noch genauer untersucht werden, bis dahin sage ich: Mindestens (und das ziemlich sicher) T3/F1.

http://www.wetter-zentrale.com/cgi-bin/ ... ead=939668


Im übrigen, bist du dir sicher, dass der Hambrücken-Fall wirklich der zweite starke Nicht-Meso war? Wie siehts bei Massow (MV,16.06.2006, T5/F2) aus?

Grüße,
Thilo Kühne

Felix Welzenbach

Beitrag von Felix Welzenbach » Sonntag 23. Juli 2006, 02:14

Hallo Thilo

Wann genau war Massow und wo genau liegt der Ort? Die Soundings weiter südlich zeigen recht deutliche Richtungs- und Geschwindigkeitsscherung.

Thilo Kühne
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Beitrag von Thilo Kühne » Sonntag 23. Juli 2006, 03:16

Hallo Felix,

der Massow-Tornado war am 16.06.2006 gg 18.20 MESZ (ungefähr). Der Ort befindet sich im südwestlichen Ldk Müritz in MV. Ca. 17 km NNW von Wittstock (BR) und ca. 12 km S von Plau Am See.

Dez.Koordinaten:

53.3167 N
12.4167 E


Grüße,
Thilo

Marco Weiß
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Beitrag von Marco Weiß » Sonntag 23. Juli 2006, 10:49

Laut den Radarbildern gegen 18:00 Uhr war dort nur ein wirklich geringer Niederschlag. Das ist jetzt nur eine Möglcihkeit: Gibt es vllt. Staubteufel die so eine große Kraft entwicklen können, oder ist bekannt das es sich um eine Gewitterzelle handelte?
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Thomas Sävert
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Beitrag von Thomas Sävert » Sonntag 23. Juli 2006, 11:17

Hallo zusammen,

schaut mal in die Tornadoliste ;-) Der mutmaßliche Tornado (ist ja noch nicht bestätigt) trat gegen 15 Uhr auf, also viel früher, als Gewitter über die Region hinwegzogen. Durch die anfangs falsche Uhrzeit entstand der Eindruck, dass er isoliert ohne Gewitter auftrat.

Gruß, Thomas Sävert
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Beitrag von Marco Weiß » Sonntag 23. Juli 2006, 12:11

Hätte mich auch ziemlich gewundert so ganz ohne Starkregen etc. :D
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Felix Welzenbach

Beitrag von Felix Welzenbach » Montag 24. Juli 2006, 01:01

Einschätzung von Pieter Groenemeijer (Estofex)

http://pieter.estofex.org/hambruecken/hambruecken.html

die ich aus folgenden Gründen teile :

1. Traten die stärksten schäden zu beginn der schneise auf und wurden mit zunehmender länge schwächer und schmaler

=> typisches verhalten eines konzentriert auftreffenden microbursts, der schwächer werdend ausfließt.

2. Es gibt Berichte (Steve/Karlsruhe), dass das Gras zu Beginn der Schneise sehr platt gedrückt aussieht, auch das deutet eher auf eine konzentriert ausfallende Böe als einen Tornado hin.

3. Es gibt KEINE Augenzeugenberichte über einen Wolkenschlauch - im Gegenteil, der Wind soll mit dem Starkregen/Hagel gekommen sein.

4. Die vertikale Windscherung ist vernachlässigbar, auch keine deutliche Richtungsscherung, ferner ist das Temperaturprofil eher einem "inverted-V-Profil" ähnelnd, mit Feuchte in den mittleren Schichten und hochreichender , konvektiver Grenzschicht => starke Abkühlung durch Niederschläge in die trockene Bodenschicht => Downbursts, zu hohe Wolkenuntergrenzen für Tornados (eher Ausnahmefälle).

--------
Daher halte ich einen F1-T3-Downburst auch für die wahrscheinlichste Lösung.

Thomas Sävert
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Beitrag von Thomas Sävert » Montag 24. Juli 2006, 08:06

Hallo Felix,

ich schließe mich dem hier gesagten auch mit weiteren vorliegenden Zeugenaussagen und weiteren Fotos/Berichten an, einen Tornado halte ich in diesem Fall für unwahrscheinlich. Schade nur, dass er in den Medien schon überall sio vorschnell verkündet wurde.

Gruß, Thomas Sävert
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Sven Lüke
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Beitrag von Sven Lüke » Montag 24. Juli 2006, 09:09

Thomas Sävert hat geschrieben:Hallo Felix,

ich schließe mich dem hier gesagten auch mit weiteren vorliegenden Zeugenaussagen und weiteren Fotos/Berichten an, einen Tornado halte ich in diesem Fall für unwahrscheinlich. Schade nur, dass er in den Medien schon überall sio vorschnell verkündet wurde.

Gruß, Thomas Sävert
Vielleicht sollte man im örtlichen Gemeindehaus/Stadthalle in ein paar Wochen mal einen öffentlichen Vortrag halten - mit Radarbildern und so und den Leuten zeigen, was dort abgelaufen ist, wie es dazu kam usw. So hätten wir zumindest bei den Leuten und der örtlichen Presse dort für Aufklärung gesorgt...

Grüße, Sven

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Beitrag von Marco Weiß » Montag 24. Juli 2006, 13:21

Es gibt zwar keine Zeugen für einen Tornado, aber ein Bekannter meines Opa´s, fuhr kurz nach dem Ereignis durch Hambrücken und sah das viele Bäume sprichwörtlich "herausgedreht" waren. Ob das nun wirklich so war, kann ich nicht bestätigen. Ich war ja nicht dort. Aber auf diesem Bild sieht es so aus als würde der Baum wirklich aus dem Boden herausgedreht worden sein.

Bild

Desweiteren glaub ich nicht, dass ein Microburst ein Straßenschild dermaßen zurichten kann.

Bild

Fragende Grüße

tornadochaser
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Felix Welzenbach

Beitrag von Felix Welzenbach » Montag 24. Juli 2006, 13:27

herausgedrehte Bäume sind kein Indiz für ein Tornado. Dafür können verschiedene Ursachen in Frage kommen, geländebedingte Verwirbelungen, assymmetrischer Stammwuchs, ungünstige Hebelwirkung an der Baumkrone, etc.

Das Straßenschild kann auch durch eine kurze,heftige Böe umgerissen worden sein.

Zitat Chuck Doswell:

Auf der anderen Seite hört man die Leute oft sagen, dass solche Dinge wie abgedrehte Bäume, Straßenschilder und andere "Anzeichen für Rotation" implizieren, dass der Fall ein Tornado war. Allgemein beträgt die Größenordnung von Rotation in Tornados hunderte von Metern. Ein abgedrehter Baum kann aus rein geradlinigen Winden herrühren, wenn der Baumwiderstand zum Wind beispielsweise assymetrisch war , das heißt, der Baum gibt in einer assymetrischen Weise dem Wind nach. Diese Schadensbegutachter sollten sich über das allgemein bekannte Missverständnis zur Größenordnung tornadischer Vorticity im Klaren darüber sein; gewöhnlich ist diese größer als die beschädigten Strukturen und Objekte, daher sind die schadensträchtigen Winde in der Größenordnung der Strukturen "gerade"


http://www.wetteran.de/knowledge/tornad ... ell.htm#12

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Beitrag von Sven Lüke » Montag 24. Juli 2006, 13:30

tornadochaser hat geschrieben:Aber auf diesem Bild sieht es so aus als würde der Baum wirklich aus dem Boden herausgedreht worden sein.
Aucn normale Sturmböen oder Downbursts können Bäume "verdrehen", wenn z.B. die Baumkrone eine Unsymetrie und damit ungünstige Gewichtsverlagerung hat.
Desweiteren glaub ich nicht, dass ein Microburst ein Straßenschild dermaßen zurichten kann.
Wieso nicht? Wenn da irgendwas gegen fliegt oder sich am Straßenschild verfängt, kann das auch passieren. Martin und ich hatten in der Nähe hier mal einen Microburstschaden untersucht, da war ein abgebrochener Ast gegen ein Terassengeländer eines Hauses geknallt, das Geländer wurde dadurch auch deformiert.

Grüße, Sven

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Beitrag von Marco Weiß » Montag 24. Juli 2006, 15:55

Ich habe wahrscheinlich einen Zeugen für einen Tornado! Der Mann war zum Zeitpunkt des Gewitters auf seinem Gartengrundstück in Hambrücken, als ihn eine gelb-weiße Wand und heftiger Wind, wie er ihn noch nie zuvor erlebt hatte ins Gartenhaus zwang. Plötzlich begann sich sein Dach von den Ankerungen zu lösen und wurde fast nach oben gezogen. Er konnte es aber noch festhalten. Als er dachte es wäre vorbei ließ er los und das Dach wurde nach oben gezogen! Der Mann blieb zum Glück unverletzt. Ob er das Dach gefunden hat weiß ich zur Zeit noch nicht. Ein Microburst hätte das Dach doch auf die Seite umgeknickt oder eingeknickt? Für mich sieht das wie ein Tornado aus. Erinnert mich auch an die Anfangszene des Films "Twister" als der Mann die Tür des Schutzraumes nich mehr festhalten konnte und mitgerissen wurde.
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Beitrag von Forstexperte » Sonntag 30. Juli 2006, 11:27

Hallo zusammen,

nach kurzer Sichtung des in Thomas Säverts Tornadoliste verlinktem Material halte ich einen Microburst als Hauptverursacher für sehr wahrscheinlich. Möglcherweise gab es aber auch einen kurzlebigen Tornado?

Zu Drehbrüchen an Bäumen hatte ich hier schon mal was grundsätzliches geschrieben:
http://www.wetter-zentrale.com/cgi-bin/ ... ?read=1900

Und ein Microburst kann bis in den F3 - Bereich gehen, also sehr massive Schäden anrichten.

Viele Grüße, Martin
Melle-Wellingholzhausen, 20 km sö. Osnabrück

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