Analyse des Tornados bei Esenshamm

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pedrosito
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Analyse des Tornados bei Esenshamm

Beitrag von pedrosito »

Nach den eindrucksvollen Fotos von Tanja und Michael zum Tornado in Esenshamm war ich gestern auch einmal in der Gegend.
An dieser Stelle herzlichen Dank dem Jugendfeuerwehrwart in Esenshamm und dem Stadtbrandmeister von Nordenham, Herrn Hoyer, für die zahlreichen Tipps.

Wieder einmal habe ich festgestellt, daß Tornadospuren auf Feldern mit ausgewachsenen Mais-, Raps- oder Getreidesorten, in Wäldern, Ortschaften oder auch Wiesen allemal verfolgt werden können. Auf dem flachen Land und die Betonung liegt auf flach, genutzt überwiegend als Weidefläche, durchzogen von Wassergräben, nur selten bewachsen mit Baum oder Strauch (bewußt im Singular), kann es schwierig werden.
Da hilft es ein wenig, wenn nette Augenzeugen den Tornado gesehen haben und ihn annähernd klassifizieren konnten: Er war so stark, daß sogar einige Kühe umgefallen sind...

Da alle Kühe wieder stehen, habe ich mich auf die beschädigte Maschinenhalle konzentriert.

Der Tornado zog am Montag, 27.03.2006 zwischen 17:15 Uhr und 17:25 südlich von Nordenham von West nach Ost und hinterließ
in Höhe der eingezeichneten Punkte Schäden. Während er am linken Punkt nur einige Dachziegel löste, beschädigte er die östlich gelegene Maschinenhalle erheblich.



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Die Wände, die aus einer Stiel-Riegelkonstruktion aus Holz mit Stahltrapezverkleidung gebildet waren, wurden zwischen den Stahlrahmenstützen fast vollständig zerstört.


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Die 15x15 cm dicken Holzstiele hielten der Windlast nicht stand und gaben nach:

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Um ein Gefühl für die Kräfte die dort gewirkt haben müssen zu bekommen, hier ein grober Überschlag.
Um einen solchen Stiel von 15x15cm ca. 1m unterhalb der Traufe der rund 7m hohen Halle durchzubrechen, müßte an dieser Stelle eine Kraft von 8 kN punktuell gewirkt haben. Das entspricht hier auf der Erde der Gewichtskraft einer Masse von 800 kg. Um einen gleichmäßig belasteten Stiel der gleichen Stärke in der Mitte zu brechen, braucht es immerhin 1,1kN/m (entsprechend 110kg pro laufenden Meter).

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Und wo der Wind einmal drin war, da wollte er auch irgendwann wieder raus und zwar an der Rückseite der Halle:


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Er schob die schweren Maschinen gleich mit raus:


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In ca. 300m Entfernung steckten diese Reste der Kunststoffverkleidung:

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Dieses Holzstück mit den Maßen von 13x7x100cm wurde ca. 200m weit transportiert:

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Die Holzteile auf den beiden folgenden Bildern (15x15x300cm und 13x7x400cm) mit einem Einzelgewicht von ca. 40kg wurden ca. 50m weit verlagert:

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Dieses Holzteil mit einem Gewicht von 10kg wurde rund 400m weit transportiert:

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Trotzdem hatten die Bewohner des Hofes noch Glück im Unglück, denn links von der zerstörten Maschinenhalle befindet sich die Viehhalle und dahinter das Wohngebäude:


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Hier noch einmal einige Links zum Ereignis:

http://www.wetter-zentrale.com/cgi-bin/ ... ead=865047

http://www.wetter-zentrale.com/cgi-bin/ ... ead=864328


Viele Grüße

Peter
Zuletzt geändert von pedrosito am Samstag 1. April 2006, 13:24, insgesamt 2-mal geändert.
Nordgewitter
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Beitrag von Nordgewitter »

Vielen Dank für die tolle Analyse! Die Scheune und landwirtschaftlichen Maschinen haben mich sofort an en Film Twister erinnert!

Ich hoffe, das Dir auf dem Heimweg kein Mähdrescher vor´s Auto gestürzt ist :wink:

*lg* Olaf
Zuletzt geändert von Nordgewitter am Samstag 1. April 2006, 10:25, insgesamt 1-mal geändert.
Frederik M.

Beitrag von Frederik M. »

oh ja und überall dieses spitzen und scharfen Geräte, da will man nicht in der nähe sein.
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Cumulus Humilis
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Beitrag von Cumulus Humilis »

Vielen Dank für die gute Darstellung und eindrucksvolle Schilderung der Schäden, Peter! Bemerkenswert finde ich vorallem die deutliche Verfrachtung der schweren Holzteile, die ja eigentlich recht wenig Windwiderstand bieten. Ist es sicher, daß sie allein durch unmittelbare Windeinwirkung so weit transportiert wurden, oder könnten sie als Anhang eines größeren "Segels" dorthin gelangt sein?

Wenn es möglich ist, könntest Du noch eine Übersichtskarte des Gebietes beifügen. Man hat dann gleich eine bessere Vorstellung wo das Ereignis war - hier "unten" z.B. wissen wohl die wenigsten wo Esenshamm liegt.

Viele Grüße,
Andreas
Zuletzt geändert von Cumulus Humilis am Samstag 1. April 2006, 14:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Potz Blitz!
pedrosito
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Beitrag von pedrosito »

Hallo Andreas!

Ich habe noch eine Übersicht eingefügt, danke für den Hinweis.

Daß einige Holztrümmerteile beim Abheben noch mit Kunststoffteilen verbunden waren erscheint plausibel.
Der auf Hallenbild 11 abgebildete Holzstiel war aber definitiv zur Befestigung der Stahltrapezwand eingebaut.( siehe blaue Markierung )
Und ein Holzstiel mit Trapezflügeln fliegt definitiv weiter.
Leider konnte kein Augenzeuge dazu etwas sagen. Und ein Augenzeuge, der das aus nächster Nähe hätte beurteilen können, wäre jetzt wohl nur noch bedingt zu befragen...

Vielleicht gibt es ja ähnlich gelagerte Fälle in der Vergangenheit die Vergleiche zulassen.

Viele Grüße

Peter
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Cumulus Humilis
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Beitrag von Cumulus Humilis »

pedrosito hat geschrieben: Der auf Hallenbild 11 abgebildete Holzstiel war aber definitiv zur Befestigung der Stahltrapezwand eingebaut.( siehe blaue Markierung )
Und ein Holzstiel mit Trapezflügeln fliegt definitiv weiter.
Ok danke, das ist was ich wissen wollte. Ist ja auch interessant für die Einstufung. Lt. ESDW ist er T3/F1 (http://essl.org/ESWD/) eingestuft. Inwiefern das vorläufig ist, kann ich nicht sagen. Auf der Tornadoliste von Thomas Sävert (http://www.tornadoliste.de/) hat er noch keine Einstufung.

Viele Grüße,
Andreas
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Potz Blitz!
Tanja Lüdtke
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Beitrag von Tanja Lüdtke »

Hi Peter!

Sage auch noch mal "Danke" für die Analyse und die Schadensbeurteilung. Das sah ja dort richtig gut aus!

LG, Tanja
Forstexperte
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Beitrag von Forstexperte »

Hallo zusammen,

Euch, Peter und Tanja vielen Dank für die Bildberichte & Analysen.
Zur Stärke des Tornados:
Aufgrund Eurer Schadensbilder und denjenigen aus dem NDR „Hallo Niedersachsen-Bericht“ komme ich auch zu T3/F1.
Etwas stutzig hat mich allerdings der Vorfall mit dem in den Straßengraben geschleuderten Opel Omega-Kombi. Denn nach Aussagen des Fahrers im Fernsehbericht hatte er wegen des Tornados gestoppt und erst dann bekam der Wagen nach einem leichteren ersten einen so gewaltigen 2. Schlag, dass er sich im Straßengraben wieder fand. Am Wagen selbst entstand Totalschaden, weil die ganze Karosserie verzogen war.

Tja, vielleicht können hier mal die Physiker ran. …

Viele Grüße, Martin
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Matthias
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Esenshamm-Tornado

Beitrag von Matthias »

Moin Peter,
kann ich event. einige Deiner Fotos weiterverwenden ? Die würde ich gerne in einem Bericht den ich dazu schreiben möchte mit einbinden. Dieser Bericht soll dann gleichermaßen hier und auch im Laubfrosch (Ring europäischer Hobbymeteorologen e.V.) veröffentlicht werden.

Melde Dich mal kurz deswegen........

LG aus Nordenham
Matthias
Typhoon_Germany
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Beitrag von Typhoon_Germany »

ich weiß, es ist schon über ein Jahr her ... aber ich habe heute zufällig ein Video ,das wohl zu dem oben beschriebenem Ereignis gehört, bei youtube gefunden. Da ich es hier trotz nutzung der Suchfunktion im Forum nirgendwo finden konnte setze ich den Link dazu hier einfach mal drunter:

http://www.youtube.com/watch?v=EadECK-C3qo


Gruß aus Bremen
-Typhoon-
Bremen
Peter.R.Hofmann
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Beitrag von Peter.R.Hofmann »

Super bericht sehr schöne Bilder danke für deine mühe die Ihr euch gemacht habt
Ein Frosch der im Brunnen lebt,
beurteilt das Ausmaß des Himmels
nach dem Brunnenrand.
CologneChaser
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Beitrag von CologneChaser »

Eine prima bericht, sind auch gute bilder.

Muss schon häftig gewesen sein. Ich möchte nicht dabei gewesen sein.

Ich denke mal das es Glück im Unglück wahr.

>COLOGNE CHASING TEAM<
Mfg Cologne Chaser,
alias
Arne K.
Seb66
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Beitrag von Seb66 »

Danke dir für diese tolle Analyse. Ist schon richtig Mies sowas.

Könnte mir einer nochmal eine Verlinkung zu den Material von Tanja und Michael herein posten.
Zuletzt geändert von Seb66 am Donnerstag 21. Juni 2007, 19:35, insgesamt 1-mal geändert.
GI-Stormchaser
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Beitrag von GI-Stormchaser »

Hallo Peter,

tolle Bilder, fast schon selbst erklärend, mit super Bericht dazu. Hast Du dazu Bilder vom Radar? Würde mich mal intressieren wie das System aus sah.

Ansonsten ein echtes Danke schön, manch einer Reist in die USA um so etwas zu sehen (Erleben :shock: ) und Ihr zeigt uns das was in Deutschland abgeht.

VG

André
Immer schön die Augen auf !
Forstexperte
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Beitrag von Forstexperte »

Hallo Typhoon,
Typhoon_Germany hat geschrieben:ich weiß, es ist schon über ein Jahr her ... aber ich habe heute zufällig ein Video ,das wohl zu dem oben beschriebenem Ereignis gehört, bei youtube gefunden. Da ich es hier trotz nutzung der Suchfunktion im Forum nirgendwo finden konnte setze ich den Link dazu hier einfach mal drunter:

http://www.youtube.com/watch?v=EadECK-C3qo
Sehr schön, kannte das Video auch noch nicht.
Man kann sehr gut erkennen, dass der Tornado während dieser Filmaufnahme nur etwa zur Hälfte der Distanz von der Wolke bis zur Erde auskondensiert war.

Als wichtige Bemerkung für derzeitige und zukünftige Tornado-Verifikations-Diskussionen:
Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass eine Funnelcloud, wenn diese etwa die Hälfte der Distanz von der Wolke bis zur Erde überbrückt hat, mit großer Sicherheit ein Tornado ist - weil am Erdboden dann bereits tornadische Winde erzeugt werden. Oft wächst dem Funnel dann ein Staubfuß entgegen. Dafür gibts auch viele, teils prominente Beispiele, z.B. Micheln am 23.6.2004:
http://www.naturgewalten.de/040623michelnfritz.htm

Leider finde ich die Literaturstelle nicht mehr und komme auch nicht mehr drauf, wo das geschrieben stand. Vielleicht weis jemand anderes diese, bzw. den Autor?

Viele Grüße, Martin
Melle-Wellingholzhausen, 20 km sö. Osnabrück
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