Tropische Stürme in Europa

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carhein71
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Tropische Stürme in Europa

Beitrag von carhein71 » Mittwoch 11. Juni 2014, 17:20

Was am 09.06.2014 über Nordwestdeutschland und den Benelux-Staaten sich ereignet hat, sah in der Rückschau nach meiner Meinung aus wie die Entstehung eines Tropischen Sturmes aus einer Gewitterzelle heraus. Die Rotation der gesamten Zelle und ihrer Außenbereiche (man beachte die Ausfaserung der Wolke um 21.30 mit einer Sturmwalze bis in den Trierer Raum hinein) sprechen für mich eine klare Sprache. Nun die Frage: Kann es im Laufe des Klimawandels auch bei uns in Mitteleuropa zu solchen Konvergenzereignissen kommen, die die Bildung eines Tropensturmes anstoßen könnten, wenn etwa über dem Ärmelkanal und der Nordsee die Wassertemperaturen deutlich ansteigen sollten?

Lübecker
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Re: Tropische Stürme in Europa

Beitrag von Lübecker » Mittwoch 11. Juni 2014, 19:13

Es gibt viele Theorien dazu, dass auch in Europa zumindest subtropische Stürme entstehen könnten, im Mittelmeer ist dies auch schon ein paar mal geschehen. Allerdings hatte diese Gewitterfront nichts mit einem tropischen Sturm zu tun. Die rasante Entwicklung und Größe der Wolkenmasse auf dem Satellitenbild zeigt nur den riesigen Eisschirm des Clusters, ist aber nicht zu vergleichen mit einem tropischen Sturm.

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bärenfänger
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Re: Tropische Stürme in Europa

Beitrag von bärenfänger » Mittwoch 11. Juni 2014, 20:10

1. Tropische Stürme entstehen immer über dem offenen Meer.
2. Es ist nicht ungewöhnlich, dass bei großen Gewitterkomplexen durch ihre Ausdehnung irgendwann die Coriolis-Kraft zu wirken beginnt. es gibt darum auch mehrere Arten dieser Mesoskaligen konvektiven Systeme (MCS), die die große Obergruppe organisierter ausgedehnter Gewittersysteme bilden.
Sie können Bow Echos bilden (wie in diesem Falle), sie können unter der Voraussetzung einer Mindestgröße, Mindestovalität und Mindestlebensdauer zu Mesoskaligen konvektiven Komplexen (MCC) werden oder bei der Bildung einer Wirbelform entsprechender Größe zu einem Mesoskaligen konvektiven Wirbel (MCV) werden. Bei noch größerer Ausdehnung wird im Prinzip das Kriterium Tropensturm oder vorher Tropische Depression erreicht, was aber über Land in der Regel nicht eintritt.
3. Muss auch beachtet werden, inwieweit Bodentiefentwicklung eine Rolle spielt, denn Bodentiefs bilden bei solchen Lagen meist große Gewitterkomplexe, deren maximale Intensität meist nach Sonnenuntergang erreicht wird.
Da es sich hierbei schon um ein messbares Tiefdruckgebiet handelt, ist logischerweise meist auch eine Wirbelform erkennbar. Das kann begünstig natürlich die in Punkt zwei erwähnten Formen.

Zu deiner Klimawandel-These:

Es kommt ja schon eher selten vor, dass im Mittelmeer mit seinen im Herbst recht hohen Wassertemperaturen, sich mal ein thermisches Tief Bildet. Das heißt, das Tief besitzt keine Fronten und hält sich nur durch die Konvektion im Inneren am Leben, ebenso wie bei Tropischen Stürmen. Die Gewitterstürme in Mitteleuropa sind in der Regel das Resultat der Einwirkung dynamischer Tiefdruckgebiete (die durch eine Wellenstörung an der Polarfront entstehen).
Des Weiteren glaube ich kaum, dass sich durch den Klimawandel Nordsee über einen längeren Zeitraum auf solche Temperaturen erhitzen, wobei immer noch fraglich ist, ob die Größe ausreicht und die Nord-Süd-Ausrichtung und der dauernde Austausch mit kühlerem ozeanischen Wasser all die wichtigen Faktoren nicht ebenfalls behindert.

Grüße und Gut Pfad,
Olli.
Regionaler Ansprechpartner Leipzig-Südharz-Nordthüringen

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carhein71
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Re: Tropische Stürme in Europa

Beitrag von carhein71 » Donnerstag 19. Juni 2014, 22:22

Was mich nur stutzig gemacht hat, ist die gewaltige Blitzintensität. Woher kam dieses dielektrische Potential? Konnte da der Saharastaub, der sich(zumindest in Teilen) über Nordwestdeutschland befunden hatte, zusätzliches ionisierbares Material geliefert haben, ähnlich wie es eine hohe Blitzaktivität bei Vulkanausbrüchen der plinischen Natur vorkommt (siehe Pinatubo und siehe Vesuv 79)? Ich bin jedenfalls ratlos, wie eine solche Blitzintensität zustandekommt.
Ich hatte in den USA (genauer in St. Joseph Missouri) am 07.09.2007 das Vergnügen ein siebenstündiges Unwetter in der Nacht zu kosten (war NICHT angenehm!). Es war am Tage 93° F und abends zog gegen 20.30.eine ähnliche Wolke heran, hatte aber längst nicht diese Blitzintensität. Ebenso hatte das Wärmegewitter vom 28/29. 06. 1994 über dem Rhein-Main-Gebiet eine nicht so gewaltige Blitzintensität. Woher diese Kraft? Ich kann das nicht erklären?

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Cumulus Humilis
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Re: Tropische Stürme in Europa

Beitrag von Cumulus Humilis » Mittwoch 25. Juni 2014, 23:35

Hallo,

die genauen Ursachen, warum bestimmte Gewitter blitzintensiver sind als andere, sind noch nicht vollständig geklärt. Überhaupt gibt es zur Entstehung von Blitzen noch eine ganze Reihe ungeklärter Fragen und verschiedene Theorien wie die Ladungstrennung oder auch die Bildung von Ionisationskanälen zustande kommt. In erster Näherung kann man sagen, daß einen deutlichen Zusammenhang zwischen CAPE und Blitzintensität gibt. Die derzeit führende Theorie zur Blitzentstehung ist die des Graupel-Eis-Mechanismus. Dabei erfolgt die Ladungstrennung durch die Kollision von Eis- und Graupelteilchen. Je mehr Feuchte, je stärker der Aufwind, je größer der Temperaturunterschied zwischen niedrigen und hohen Schichten, desto mehr getrennte Ladungsträger. Daher kann man davon ausgehen, daß Gewitterzellen mit großem Volumen, bzw. großer Ausdehung (vertikal aber auch horizontal (!)) eine höhere Blitzintensität als kleinvolumige Zellen haben. Die (für unsere Breiten) außergewöhnlichen CAPE-Werte in Verbindung mit guter Scherung (-> Ausbreitung der getrennten Ladungsträger) waren sicher eine bedeutende Ursache für die besondere Blitzaktivität. Die extrem feuchtedominaten Gewitter der Tropen, oder z. B. auch in Florida, sind ja auch für ihre hohen Blitzraten bekannt.

Staub kann durchaus eine Rolle spielen, da er als Kristallisationskeim dienen und zur vermehrten Graupelbildung beitragen kann. Bei den Entladungen innerhalb der pyroklastischen Wolke von plinianischen Eruptionen muß man wohl noch von anderen Mechanismen ausgehen, die aber m. W. noch weit weniger erforscht sind, als die der Gewitterblitze.

Wie gesagt, gibt es aber noch ein Menge Unbekannte in der Blitzforschung. Eine interessante Beobachtung, die ich auch schon häufiger bei Superzellen in den USA machen konnte, ist, daß sie eine gewisse Zeit sehr blitzintensiv sind um dann plötzlich relativ schnell "dunkel" zu werden, obwohl sie noch längere Zeit weiter existieren.

Eine interessante, relativ gut verständliche Studie zum Thema Gewitter und Blitze beschreibt diese Diplomarbeit:
http://imgw.univie.ac.at/fileadmin/user ... _Dorau.pdf" onclick="window.open(this.href);return false;

Gruß,
Andreas
--
Potz Blitz!

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