[Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

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bärenfänger
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[Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von bärenfänger » Freitag 7. März 2014, 22:39

Eine ziemlich eindeutige Beschreibung eines Tornados, der die Stadt direkt traf und erhebliche Gebäude- und Vegetationsschäden anrichtete.

"Mehrere Personen haben mit Verwunderung gesehen, wie sich die schwere Wolke, die so recht einem strotzenden Sacke gleich war, erst ganz niedrig zeigte; [...]"

Aus "Neue vervollständigte Chronik der Stadt Cölleda", Seite 109.

http://books.google.de/books?id=Fgc_AAA ... rm&f=false" onclick="window.open(this.href);return false;


Grüße und Gut Pfad,
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Thomas Sävert
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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von Thomas Sävert » Dienstag 11. März 2014, 01:36

Hallo Olli,

Danke für diesen Fall. Allerdings bin ich etwas skeptisch, was den Status betrifft. Denn es ist von einem Wolkenbruch die Rede, der vom Wind herangetrieben wird. Das könnte auch ein Downburst gewesen sein. Die tief hängende Wolke könnte ein Tornado oder auch der Teil einer Böenfront oder Ähnliches gewesen sein. Hier mal der ganze Textabschnitt zu dem Fall:
Im J. 1763 [...] In demselben J. stand um Pfingsten ein wirklicher Wolkenbruch über unserer Stadt, welchen ein heftiger Sturmwind vom Johannisthore herein, über die Johannis-Thurmspitze hinweg, sodann zum Brückenthore hinaus, über das Backlebische Feld hinwegtrieb. Mehrere Personen haben mit Verwunderung gesehen, wie sich die schwere Wolke, die so recht einem strotzenden Sacke gleich war, erst ganz niedrig zeigte; hingegen, sobald sie an die Thurmspitze kam, sich recht augenscheinlich in die Höhe hob, und sobald sie über denselben Thurm hinweg war, sich wiederum senkte, und sodann in solcher Tiefe durch den Sturm ins Holz getrieben wurde und an den Bergen und Bäumen hängen blieb. Besagter Sturm riß die beiden großen Schafställe an der Kloster- und Stadt-Schäferei nieder; drehte die Bäume in den Gärten bei der Johanniskirche sammt den Wurzeln aus der Erde heraus, und richtete, wo er hinkam, große Zerstörungen an.
(Quelle: Neue vervollständigte Chronik der Stadt Cölleda von Friedrich Heinrich Grüning, Cölleda, 1833)

Klingt alles sehr verdächtig, ich wundere mich nur, dass nirgends steht, dass die Wolke rotierte oder es sich um einen Wirbelwind handelte. Ich bin dafür, den Status auf "Verdacht" zu setzen, als solchen werde ichd en Fall auch in die Tornadoliste eintragen.

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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von Thilo Kühne » Dienstag 11. März 2014, 16:01

Hallo Olli und Thomas,

wir haben es hier mit einer Quelle aus dem 18.Jhd. zu tun, bei welcher wir kaum nach heutigen Maßstäben urteilen können. Dennoch gibt es in dieser Quelle einige Hinweise auf den Ereignistyp, der mM durchaus recht deutlich wird.

1. wirklicher Wolkenbruch ... da "Wasserhose" nicht genannt wird haben wir hier tatsächlich keine Begrifflichkeitsverwechslung zwischen Wolkenbruch und Wasserhose bzw. geradlinigem Sturm und Windsbraut. Ich denke, dass "Wasserhose" für heftigen Starkregen in Thüringen auch nicht sonderlich gebräuchlich war.

2. [...] ein heftiger Sturmwind vom Johannisthore herein, über die Johannis-Thurmspitze hinweg, sodann zum Brückenthore hinaus, über das Backlebische Feld hinwegtrieb. ... Wenn es ein geradliniges Ereignis gewesen wäre, dann frage ich mich weshalb die Schadenspunkte präzise und in einem chronologischen Verlauf angeordnet vermerkt wurden?! Diese Beschreibung der Impact-Chronologie zieht sich ja noch weiter, sodass ich mir recht sicher bin, dass hier etwas beobachtet wurde. Ansonsten wäre eine punktuell-chonologische Beschreibung absurd. Impact: => Wind einwirkung + lokale Schäden in einer Verlaufsbahn + Beobachtung dessen. Wind kann nicht beobachtet werden, wohl aber ein Wirbelwind, welcher in einem Zeitfenster über den Ort fegt und der Reihe nach Schäden anrichtet.

3. Mehrere Personen haben mit Verwunderung gesehen, wie sich die schwere Wolke, die so recht einem strotzenden Sacke gleich war, erst ganz niedrig zeigte [...] ... d.h. die Beobachter haben so etwas nicht häufig oder noch nie vorher gesehen. Die Beschreibung der Wolke in Zusammenhang mit der Schadensäußerung und der Beobachtung der Chonologie sehe ich doch sehr deutlich als Tornadobeobachtung. Zudem steht die explizite Herausstellung einer einzelnen, lokal klar begrenzten Wolke, mM im Widerspruch zu einer Wolkenlinie/Böenfront. Wieso hebt man in der Quelle eine einzige Wolke so hervor? Zumal genau von dieser auch die Zerstörung ausging.

4. [...] hingegen, [...], sich [die Wolke] recht augenscheinlich in die Höhe hob, und sobald sie über denselben Thurm hinweg war, sich wiederum senkte [...] ... bei einer Downburstbewertung wäre ich sehr erstaunt über die Begründung an der Stelle, denn die Beschreibung verweist hier auf eine recht schnelle und rapide Veränderung dieser "Wolke" in Gestalt, und zwar so schnell, dass es nur die Überquerung eines Gebäudes bedurfte, um sich in Gesalt wieder hinabzusenken.

5. [...] und richtete, wo er hinkam, große Zerstörungen an. ... wieso steht da "wo er hinkam"? Wo WER hinkam? Das ist wiederum eine klare Beobachtung. D.h. auch, dass da wo "er" nicht hinkam auch keine Zerstörungen angerichtet wurden. D.h. auch, dass der "Wind" beobachtet wurde. Einen Downburst oder eine Böenfront wurde damals nicht beobachtet bzw. anders beschrieben. Das Herausstellen einer klaren Beobachtung zeigt eine visuelle Wahrnehmung plus lokalem starken Schadensausmaß und einer anscheinend lokal-selektiven Schadensspur (wo er hinkam) .

Anhand der Quelle sehe ich den Fall eigentlich recht deutlich bei QC1 als Tornado. Eine andere Deutung halte ich unter Hinzunahme der Quelle für wesentlich unwahrscheinlicher. Klar, die Quelle ist 250 Jahre alt, aber dennoch denke ich, dass man hier guten Gewissens von einem Tornado sprechen könnte.


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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von bärenfänger » Dienstag 11. März 2014, 16:42

Ich sehe es wie Thilo. Die offensichtliche lokale Begrenzung gab für mich auch den Anlass im Zusammenhang mit dieser einen Wolke, die sich da hob und senkte. Der Wolkenbruch macht die Sache nicht unwahrscheinlicher, sondern bestätigt nur, dass es ein konvektives Ereignis war.

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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von Thomas Sävert » Dienstag 11. März 2014, 23:46

Hallo Thilo und Olli,

ok, ich gebe mich geschlagen, Thilos Argumente haben mich überzeugt, den Fall können wir als QC1 einstufen.

@ Thilo: Auch in Teilen Thüringens kam der Begriff "Wasserhose" vor, sogar rüber bis zum Eichsfeld und damit bis in den Raum Göttingen, insgesamt also grob vom Vogtland bis zum Eichsfeld.

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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von bärenfänger » Mittwoch 12. März 2014, 00:19

Vom Vogtland bis zum Eichsfeld wäre ja im Prinzip fast ganz Thüringen :D

Wie in Thüringen örtlich, vor allem im Norden, der Begriff Wasserhose verwendet wird, hatte ich ja auch irgendwo schonmal geschrieben.
Da ist nämlich durchaus auch nur ein feuchter Downburst gemeint.

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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von Thilo Kühne » Donnerstag 13. März 2014, 18:09

Hallo,

ich glaube nicht, dass "Wasserhose" im Zusammenhang mit einem feuchten Downburst steht. Bei Windeinwirkungen besonderen Ausmaßes hätte man in den Quellen von einem Gewittersturm o.Ä. gesprochen. Die Aussage "Wasserhose" betrifft in den meisten Fällen mM. heftigen Starkregen... und ist im Ursprung wohl auf die Beobachtung von Fallstreifen hin zu deuten. Für mich ist das eher ein Indiz für heftigen Regen, aber nicht mehr. Die Windursache wird bezüglich einer klar begrenzten (kleineren?) Wolke beschrieben. Ein Wet-Downburst ergibt in der Deutung für mich keinen Sinn, denn wieso macht man sich dann die Mühe der deutlichen Beschreibung einer Wolke, die "wo er hinkam" Schäden anrichtete. Es deutet darauf hin, dass die Schäden im Verlauf des Verursachens beobachtet wurden (zumindest unterstelle ich das aufgrund der Beschreibung). Bei einem Wet-Downburst ist das so nicht beobachtbar , es sei denn man steht direkt vor einem Gebäude.


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Re: [Tornado] 22./23.05.1763 - Kölleda (SÖM|TH)

Beitrag von bärenfänger » Freitag 14. März 2014, 22:16

Das war auch nicht in Bezug auf die Quelle gemeint. Ich meine da eher das allgemeine Verständnis des Begriffes Wasserhose, der im ländlichen Raum Thüringens ja heute noch benutzt wird. Und da gehe ich von einem feuchten Downburst aus, der ja durchaus auch heftigen Starkregen beinhalten kann ;)
In der Quelle taucht der Begriff ohnehin nicht auf. Nicht ohne Grund habe ich außerdem von Anfang an den Status Tornado gewählt.

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