[Tornado] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

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Axel F.
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[Tornado] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Axel F. » Dienstag 9. Juli 2013, 11:29

Saxonia Vetus Et Magna In Parvo. Oder: Beschreibung des alten Sachsen-Landes ...
von Caspar Schneider,Johann Conrad Knauth

Am Weserstrome gelegene Plätze und Einflüsse (die seitlichen Hinweise in latein bedeuten Orkan und Wirbelwind mit dem größten Hochwasser

http://books.google.de/books?id=u_Y-AAA ... 123&edge=0" onclick="window.open(this.href);return false;
(seite 288)
Im Aprili besagten 1 6 8 3ten Jahres war abermahl ein sehr grosses Ungewitter hierumb so viel Leute und Vieh verderbte. Aus dem benachbarten Lande Wursten ward damahls nach Bremen berichtet. daß daselbst 4 Gewitter aus allen 4 Orten der Welt mit Donner, Blitz und Windwirbeln entstanden (***) also daß sie auch die fürnemsten Kirchthürme zerrissen die meisten Hauser und Gebenden ihrer Dacher beraubt theils von Grundaus gleich einem Erdbeben ruiniret daß viel Menschen und Vieh darinn verfallen und keine Kirche im Lande unbeschädigt blieben. Massen die Padinger Kirchen theils gar eingegangen, die Cappler Kirchen Tach und Sparren los gemacht und der Thurm ubern Haufen geworffen im Dorfe Weseby 4 Meilen von Bremen 22 Häuser gefallet, die Gebäude an allen 4 Ecken aufgehoben und gleichsam gar umbgekehret worden. In Summa so ist das Land Wursten und das Budjadinger Land damahls fast gar wüste worden. Auch hat das grausame Ungewitter selbiger Zeit 2 Dörfer im Bremchen Ambte Hagen totaliter ruiniret.

(***) Dergleichen grosse Wind Stürme nennen die Latein Vortices vel Turbines maximos, die Seefahrenden einen Orcan oder Windsbraut. Die Windsbraut Im Anhange dieses Wercks werden von änno 1717 noch viel schrecklichere Exempel aus allen Geeländern vorkommen
Das beschriebene Land Wursten ist u.a der Bereich des Dorumer Moors nördlich von Bremerhaven, Budjatingen ist Butjadingen vor Bremerhaven. Hagen im Bremschen ist klar. Weseby 4 Meilen von Bremen hab ich leider nicht gefunden.

https://maps.google.de/maps?q=Hagen,+Cu ... n&t=m&z=10" onclick="window.open(this.href);return false;

An die Beschreibung eines Orkans möchte ich nicht so recht glauben, einesteils der Jahreszeit wegen (April) als auch der entsprechenden Beschreibungen - Gewitter, "aus allen 4 Orten der Welt", "Haus ... an allen 4 Ecken angehoben".
Interessant auch der lateinische Begriff der Windsbraut (Wirbel oder tödlichsten Hurrikane).
Thomas hat ihn mit anderen Quellen unter Oldenburg auf der Liste.
"An diesem Tage ward auch im Oldenburgischen und Land tho Wusien ein erschröckliches Ungewitter auß allen 4 Theilen der Welt sich versamblend / verspühret / welches viel Mühlen / Thürme und Dächer umbwarff / auch einen unsäglichen Schaden verursachte." (Quellen: Stefan Militzer, Klima - Umwelt - Mensch (1500-1800), 2004 sowie Happel, Eberhard Werner, Des historischen Kerns oder so genandten kurtzen Chronica Ander Theil. - Hamburg, 1690, S. 25)
wobei mit Land tho Wusien nichts anderes als das Land Wursten gemeint sein wird.

Wir hätten es hier - sofern es tornadisch gewesen wäre, wonach ich aber anhand der Beschreibungen ausgehe - mit einem Pfad von Oldenburg bis mindestens Dorum, was ca. 65 km Luftlinie wäre, zu tun. Aufgrund der massiven Zerstörungen, gepaart mit der Pfadlänge, sollte es sich dann um eine F4 Intensität handeln.

Diskussionen ausdrücklich erwünscht :wink:

Gerrit Rudolph, Limburg/L
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Gerrit Rudolph, Limburg/L » Dienstag 9. Juli 2013, 15:37

Die Bedeutung des Wortes "Orcan" wird sich im Laufe der Jahrhunderte geändert haben. Auch der 1765 erschienene Bericht von Herrn Genzmer über den Fall Woldegk 1764 verwendet das Wort "Orcan" in der Überschrift.

Gruß, Gerrit

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bärenfänger
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von bärenfänger » Dienstag 9. Juli 2013, 16:00

Ich denke, dass man hier ziemlich sicher von einem Tornado ausgehen kann, nicht nur der entsprechenden Wörter wegen, sondern auch wegen der Beschreibung der Schäden selbst. Ich will mich mal aus dem Fenster lehnen und sagen, dass es sich hier durchaus um einen Tornado der Stärke F4 gehandelt haben könnte. Im ausgehenden 17. Jahrhundert waren Kirchen meist nicht mehr aus Holz gebaut, in dieser Gegend mangels Holz schon gar nicht, sondern zumeist aus Backstein, sodass hier eine gewisse Grundstabilität angenommen werden kann.

Grüße und Gut Pfad,
Olli.
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Thomas Sävert
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Thomas Sävert » Dienstag 9. Juli 2013, 16:11

Hallo zusammen,

ich denke auch, dass Tornado als Ursache sicher ist. Dafür sprechen die Wortwahl ("mit Donner, Blitz und Windwirbeln"), die Beschreibung der Schäden ("die Gebäude an allen 4 Ecken aufgehoben und gleichsam gar umbgekehret worden" ) bzw. deren Intensität und nicht zuletzt die Jahreszeit.

Wenn ich mir allerdings die Orte anschaue, dann gehe ich nicht von einem einzigen, sondern von mindestens 3-4 Tornados aus.

Grüße, Thomas Sävert
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Axel F.
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Axel F. » Dienstag 9. Juli 2013, 17:41

möglich, daß es ein mittelalterlicher Outbreak war, muß aber nicht sein.

Hier mal ein Link zu einer Karte des Oldenburger Landes im 17. Jhdt. (Karte ist antizyklonal um etwa 45 Grad eingenordet, ich hatte auch gerade Probleme deswegen :mrgreen: )
http://www.stadt-land-oldenburg.de/Kart ... 201650.JPG" onclick="window.open(this.href);return false;

Cappler Kirche, Padingbüttel im Land Wursten, Amt Hagen, Butjadiner Land. Weseby könnte man mit linguistischer Phantasie auf Weser und bay also Weserbucht festmachen. Und siehe da, an einem alten Weserarm befindet sich das Örtchen Wersüppe, heute Wersabe. Passt dann acuh mit den 4 Meilen, welche im Norden damals 9,5-9,8 km ergaben (rechnet man eine Straße von Bremen die Weser entlang). Optisch sähe das dann so aus und würde auch mit dem Hinweis auf das Oldenburgsche übereinstimmen.
Ein intensiver Tornado, auf den die Beschreibung der Schäden passt, wäre in der Lage, solch einen Pfad, der links und rechts auch mal 5 km ausschert, zu hinterlassen. Deswegen nicht von den Zentren der Kreise für Butjadinger Land und Amt Hagen beirren lassen, das könne ja auch die innenliegenden Grenzen sein. Und Delmenhorst in der Zuglinie gehört zum, in Thomas´Quelle benannten, Oldenburgschen

Übrigens: Ich find solcherart historische Spurensuche wahnsinnig spannend :D

Thomas Sävert
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Thomas Sävert » Dienstag 9. Juli 2013, 18:01

Hallo zusammen,

möglich ist vieles, ich glaube aber nicht an einen einzigen Fall.

Übrigens war der 18.04. der Ostersonntag. An diesem Tag passiert in Deutschland noch mehr:
1683
An Ostern wurde unsere Gegend von einem schrecklichen Hagelunwetter heimgesucht. „Fußdicke“ Hagelkörner, die an manchen Orten drei Tage lang liegen blieben, vernichteten in den Gemeinden Süchteln, Dülken, Boisheim und Waldniel, sowie in der Umgebung von Erkelenz die ganze Winterfrucht. Hasen und Rebhühner blieben tot auf den Feldern liegen.
Quelle: http://www.uwemicha.de/gaeste/juden/unw ... etter.html" onclick="window.open(this.href);return false;

Grüße, Thomas Sävert
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von bärenfänger » Dienstag 9. Juli 2013, 18:13

Also ein Outbreak wäre wohl etwas zu hoch gegriffen, wenngleich es ja möglich ist, dass es anderswo noch Tornados gab. Hier gehe ich von zwei Fällen aus, denn ein einziges der Intensität hätte sicher in wesentlich mehr Quellen Eingang gefunden.

P.S.: @ Axel: 1683 würde ich sicher nicht mehr ins Mittelalter einordnen :D
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Re: [Verdacht] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Axel F. » Dienstag 9. Juli 2013, 18:55

stimmt, ist nicht so meine Ära, die hört bei den Templern auf und beginnt erst wieder beim Großen Nordischen Krieg :D

Ja, die Berichterstattung und deren Fülle ist natürlich auch so ein Kriterium, was gerade bei den historischen Fällen einen nicht zu unterschätzende Rolle spielt

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Re: [Tornado] 18.04.1683 - Bremen und Umland NDS/HB

Beitrag von Thomas Sävert » Freitag 12. Juli 2013, 02:49

Dass mindestens ein Tornado beteiligt war, da sind wir uns wohl einig, daher ändere ich den Betreff entsprechend.

Grüße, Thomas Sävert
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