Funnel Cloud, Blindtrombe und Tornado

In diesem Board werden erklärende Beiträge rund um konvektive Wettererscheinungen veröffentlicht.
Felix Welzenbach

Funnel Cloud, Blindtrombe und Tornado

Beitrag von Felix Welzenbach » Samstag 14. Juli 2007, 18:03

Hallo,

da anscheinend immer noch Uneinigkeit darüber besteht, was die einzelnen Begriffe im Einzelnen bedeuten und wie sie miteinander verknüpft sind, hier der Vorschlag der folgenden Definitionen:

1) Tornado (nach Doswell)


Tornado --ein Wirbel, der sich vom Boden aus wenigstens bis zur Wolkenbasis (mit dieser Wolkenuntergrenze ist hochreichende Feuchtkonvektion verbunden) ausdehnt, der auf dem Boden heftig genug ist, um Schaden an einem oder mehreren Stellen seines Pfades anzurichten, sollte als Tornado bezeichnet werden.


"Vorteil:"

Doswell schließt nicht aus, dass es auch an nichtgewittriger Feuchtkonvektion zu Tornados kommen kann. Das eindrücklichste Beispiel hierfür stammt aus England, vom 23.11.1981, als es an einer nicht-gewittrigen Squall line über 100 Tornados in fünf Stunden gegeben hat.




2) Blindtrombe (nach Feuerstein)

Hier kann man unterscheiden zwischen echter und unechter Blindtrombe

Bild

1. Die unechte Blindtromben (Mehrzahl aller Fälle)

Es handelt sich um einen tornadischen Wirbel unterhalb einer Wolke , dessen Wirkung am Boden aber nicht beobachtet oder nachgewiesen werden, weil z.B. die Sicht auf den Trombenfuß versperrt war oder keine Vegetation vorhanden und/oder beschädigt worden war.

Der Wirbel am Boden war zu schwach (subkritisch), um Schäden zu verursachen, in der Höhe aber durch eine Trichterwolke sichtbar und konzentrierter. Strenggenommen ein schwacher Tornado oder tornadischer Vortex mit subkritischer Intensität.

2. Die "echte" Blindtrombe - Der Wirbel knickt plötzlich seitlich hab und rotiert horizontal über dem Erdboden. Ursache ist oft ungünstige Windscherung in den untersten Schichten.

Für Letzteres kommt beispielsweise dieser Fall hier in Frage:

http://www.wzforum.de/forum2/read.php?2,1165314

Funnel Cloud - oder Trichterwolke

Wie es der Wortlaut schon sagt, geht es um den sichtbaren Teil einer rotierenden, von einer konvektiven Wolkenuntergrenze herabhängenden Luftsäule.

Eine Funnel Cloud, oder zu deutsch Trichterwolke, ist demnach....

der auskondensierte Teil einer rotierenden, von einer hochreichend konvektiven Wolke herabhängenden Luftsäule,
unabhängig davon ob Bodenkontakt des sichtbaren oder unsichtbaren Wirbels besteht.


Sprich, es gibt keine Unterscheidung zwischen Trichterwolke und Tornado, da eine nicht bis zum Boden auskondensierte Trichterwolke bereits unsichtbar Bodenkontakt des rotierenden Wirbels besitzen kann.

z.B.

http://www.naturgewalten.de/micheln.htm

(hier wurde der nicht auskondensierte Teil durch das Aufwirbeln von Staub/Trümmern sichtbar).

Gruß,Felix

Thomas Sävert
Beiträge: 2829
Registriert: Mittwoch 12. April 2006, 22:21
Wohnort: Velbert
Kontaktdaten:

Beitrag von Thomas Sävert » Samstag 14. Juli 2007, 18:16

Moin Felix,

danke für die schöne Zusammenstellung, das war wohl auch noch mal nötig.

Eine kleine Anmerkung habe ich allerdings: Eine "unechte" Blindtrombe ist nicht automatisch ein nicht nachweisbarer subkritischer Tornado, das sollte man mal in dem Bild ändern. Wie Du schon richtig schreibst, ist der häufigste Fall der, dass eine Funnelcloud beobachtet wurde, aber nicht feststellbar ist, ob es Schäden gab.

Gruß, Thomas Sävert
Tornadoliste Deutschland
http://www.tornadoliste.de

Yvonne Kunkel

Beitrag von Yvonne Kunkel » Samstag 14. Juli 2007, 18:23

Hallo Felix,

ich danke Dir für Deine Erklärungen. Dennoch hab ich mal eine Frage:

Der Wirbel am Boden war zu schwach (subkritisch), um Schäden zu verursachen, in der Höhe aber durch eine Trichterwolke sichtbar und konzentrierter. Strenggenommen ein schwacher Tornado oder tornadischer Vortex mit subkritischer Intensität.

Ist dies nicht ein klarer Fall von Funnel und kein Tornado?

Gruß, Yvonne

Andreas Kämmer
Beiträge: 101
Registriert: Mittwoch 2. August 2006, 09:08

Beitrag von Andreas Kämmer » Samstag 14. Juli 2007, 18:32

Sobald der Wirbel den Boden erreicht spricht man von einem Tornado, wenn er dabei zu schwach ist um stärkere Schäden anzurichten, so wird er als subkritisch bezeichnet.

P.s.: Sehr interessanter Betrag Felix, danke. :)
Viele Grüße
Zuletzt geändert von Andreas Kämmer am Samstag 14. Juli 2007, 18:36, insgesamt 2-mal geändert.

Yvonne Kunkel

Beitrag von Yvonne Kunkel » Samstag 14. Juli 2007, 18:34

Hallo Andreas,

vielen Dank für Deine Information :)

Grüße, Yvonne

Felix Welzenbach

Beitrag von Felix Welzenbach » Samstag 14. Juli 2007, 19:03

Hi Thomas,
danke für den Hinweis.
hab es ausgebessert.

Gruß Felix

Thomas Sävert
Beiträge: 2829
Registriert: Mittwoch 12. April 2006, 22:21
Wohnort: Velbert
Kontaktdaten:

Beitrag von Thomas Sävert » Samstag 14. Juli 2007, 19:07

Hi Felix,

muss noch mal nachhaken ;-)

Ganz korrekt wäre wohl: "Rotation am Boden nicht nachweisbar (schließt nicht beobachtbar ein) oder subkritisch"

Grüße, Thomas Sävert
Tornadoliste Deutschland
http://www.tornadoliste.de

Benjamin
Beiträge: 186
Registriert: Montag 14. Mai 2007, 12:39

Beitrag von Benjamin » Dienstag 17. Juli 2007, 12:03

Sobald der Wirbel den Boden erreicht spricht man von einem Tornado, wenn er dabei zu schwach ist um stärkere Schäden anzurichten, so wird er als subkritisch bezeichnet
Das sind eben die "unechten Blindtromben".
Mit einem Tornado haben wir es erst ab einer gewissen
Windgeschwindigkeit am Boden zu tun.

Gruß

Benjamin

Thorsten Gaulke
Beiträge: 153
Registriert: Sonntag 8. Juli 2007, 22:28
Wohnort: Schloß Holte-Stukenbrock-Senne
Kontaktdaten:

Beitrag von Thorsten Gaulke » Dienstag 17. Juli 2007, 14:50

Moin Benjamin...

...Thomas, Andreas und Felix schreiben ja weiter oben von einem subkritischen Tornado...Subkritische Tornados werden nach der Fujita-Skala mit F-2 bzw. F-1 (lies F minus 2 bzw. F minus 1) und in der Torro-Skala mit T-4 und T-3 (lies T minus 4 und T minus 3) bezeichnet. Bei einem T-4 reichen die Windgeschwindigkeiten von 0 km/h bis 11, bei einem T-3 von 11-25 km/h, bei einem T-2 von 25-43 km/h und bei einem T-1 von 43-65 km/h, also von Beaufort 0-8...Hier müssen noch keine Schäden entstehen, deswegen ist er ja unterkritisch. Aber eigentlich ist er schon ein Tornado.

Nach der Definition, die Felix ganz oben vorschlägt, ist eben ein solcher T-4 bis T-1 kein Tornado in diesem Sinne. Diese sollen "unechte Blindtromben" genannt werden (laut Vorschlag Felix). Da hast du recht ! Das macht auch die Definition, vielleicht auch eben hier bei den Meldungen im Forum, etwas einfacher. Ein Tornado ist also laut Felix und laut dir ein lokal sehr eng begrenzter "Wirbelsturm" mit Windgeschwindigkeiten ab 65 km/h (ab T0 bzw F0), der am Boden nachweisbar etwas "angerichtet" hat (laut Dotzek: leichte Schäden an Dächern, kann Holzzäune umwerfen, einzelne Bäume entwurzelt....)...

klingt alles schlüssig...
Gruß
Th. Gaulke

8° 41' 23,2'' ; 51° 52' 07,8''

Felix Welzenbach

Beitrag von Felix Welzenbach » Dienstag 17. Juli 2007, 15:01

In einer Statistik bzw. Klimatologie sollten diese Fälle aber aufgeführt bzw. separat geführt werden, da es ja generell nicht darum geht, ob ein Wirbel Bodenkontakt hat oder nicht, sondern

1. ob die synoptische Lage die Bildung (mesozyklonaler oder nichtmesozyklonaler) von Tornados begünstigt hat

2. ob der Wirbel in Zusammenhang mit Superzellen stand

3. ob der Wirbel ohne Superzelle aufgetreten ist.

Natürlich sind - auch aus versicherungstechn. Gründen - die F2 und aufwärts -Fälle von besonderem Interesse, aber gerade bei Superzellen ist jeder beobachtete Wirbel, ob Blindtrombe oder *kritischer* Tornado, von Bedeutung.

Benutzeravatar
Cumulus Humilis
1. Vorsitzender
Beiträge: 5701
Registriert: Mittwoch 18. August 2004, 19:39
Wohnort: Im Herzen von Rheinland-Pfalz

Re: Funnel Cloud, Blindtrombe und Tornado

Beitrag von Cumulus Humilis » Dienstag 17. Juli 2007, 19:59

Hallo Felix,
Felix Welzenbach hat geschrieben: Sprich, es gibt keine Unterscheidung zwischen Trichterwolke und Tornado, da eine nicht bis zum Boden auskondensierte Trichterwolke bereits unsichtbar Bodenkontakt des rotierenden Wirbels besitzen kann.
Die Formulierung: "...eine Trichterwolke schließt einen Tornado nicht aus..." würde mir besser gefallen, da "keine Unterscheidung" leicht als "Trichterwolke ist gleich Tornado" interpretiert werden könnte - was ja auch nicht stimmt.

Als problematisch sehe ich leider auch die zahlreiche (englische) Literatur in der Funnel und Blindtrombe gleichgesetzt werden. Das wäre nach Deinem Vorschlag nicht mehr haltbar.

Gruß,
Andreas
--
Potz Blitz!

Thorsten Gaulke
Beiträge: 153
Registriert: Sonntag 8. Juli 2007, 22:28
Wohnort: Schloß Holte-Stukenbrock-Senne
Kontaktdaten:

Beitrag von Thorsten Gaulke » Dienstag 17. Juli 2007, 21:02

Moin,

...ich bin ja relativ neu in diesem Forum und versuche, die Zusammenhänge für mich nachzuvollziehen und zu verstehen. Ich versuche, sie für mich zu ordnen und zu "vereinfachen"...

Erst einmal vielen Dank für meine Vorredner, die sehr schön und anschaulich diese Diskussion hier führen. Wenn erlaubt, stelle ich nun einmal "meine Essenz" dieser Diskussion vor:

BT = Blindtrombe = Funnel = rotiert = kein Tornado, kein Bodenkontakt, keine Schäden am Boden nachweisbar...
ST = subkritische Trombe = Funnel = rotiert = Tornado F-2 und F-1, keine Schäden am Boden nachweisbar...
KT = Kritische Trombe = Funnel = rotiert = Tornado F0 bis F5, Schäden je nach Windstärke weniger oder deutlicher sichtbar

Funnel = BT/ST, aus Funnel kann aber auch KT entstehen
Fractus = der Funnelcloud ähnlich, aber eher "zerfetzt" aussehend - kann rotieren - Wolkenfetzen...

Ist das so in Ordnung ?
Zuletzt geändert von Thorsten Gaulke am Mittwoch 18. Juli 2007, 01:57, insgesamt 2-mal geändert.
Gruß
Th. Gaulke

8° 41' 23,2'' ; 51° 52' 07,8''

SAN-Spotter
Beiträge: 56
Registriert: Sonntag 17. Juni 2007, 16:13
Wohnort: Stadtsteinach/ Kulmbach, Bayern
Kontaktdaten:

Beitrag von SAN-Spotter » Dienstag 17. Juli 2007, 21:26

Ich bin zwar ein relativer Noch-Laie aber ich bin der Ansicht das auch Fractus rotieren kann, lasse mich aber gerne belehren :wink:
Andererseits bezweifel ich auch das ein Tornado der Kategorie F2 als subkritisch gilt :shock:

huemmlingerin-87
Beiträge: 120
Registriert: Dienstag 17. Juli 2007, 14:09
Wohnort: sögel/emsland
Kontaktdaten:

Beitrag von huemmlingerin-87 » Dienstag 17. Juli 2007, 23:52

@thorsten
soviel wie ich verstanden hab ist das so wohl richtig zusammengefasst.. :)


@san
öhm fracti.. wie sollen die denn rotieren können!? naja.. fracti- fragment- ergo teil vom etwas. in dem fall ein fragment einer wolke was durch windbewegungen aus dem rest der wolke abgetrennt wurde.... sehen aber öfters so aus als wären es funnel. weil: optische täuschung.. (leichte zerfaserung die aussieht als würde der fractus rotieren..) oder so

richtig!?
suche dringend einen ausbildungsplatz zur fotografin,
mittlerweile in ganz deutschland

Felix Welzenbach

Beitrag von Felix Welzenbach » Mittwoch 18. Juli 2007, 00:46

Natürlich kann auch fractus rotieren. Für einen Tornado ist nicht das Aussehen des auskondensierten (falls er auskondensiert ist) Materials entscheidend, sondern ob die Rotation den Boden erreicht. Nur bezeichnet man den fractus dann eben nicht als trichterwolke, da er - nomen est omen - kein glattes, konisches aussehen hat, sondern eben zerfetzt ist.

Beispiele für "Fractornados"

http://www.sturmwetter.de/texte/120904.htm

http://www.sturmwetter.de/texte/100705.htm

Bisweilen kreisen auch sogenannte "Satellitenwirbel" um den Haupttornado, dann multivortex genannt, auch diese nehmen dann eher fractus-ähnliches Aussehen an.

Antworten

Zurück zu „Skywarn Wetterwissen“