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Wolfgang Behringer - Kulturgeschichte des Klimas

Verfasst: Donnerstag 1. Juli 2010, 19:02
von Arnulf B.
Guten Tag,

eine kurze Buchrezension von mir. Behringer, Wolfgang: Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung, München 2007.

Das Werk liegt schon in der dritten Auflage vor!


Als Historiker beschäftigt man sich normalerweise weniger mit Klima und Wetter - doch Wolfgang Behringer scheint hier eine große Ausnahme zu sein. Eigentlich beschäftigt sich Prof. Behringer vorrangig mit der Hexenverfolgung in ME (zahlreiche Publikationen zu diesem Thema), über dieses Thema dürfte der Historiograph wohl auch mit dem Klima in Kontakt gekommen sein (Stichwort "Kleine Eiszeit").

Gliederung:

1. Was wissen wir über das Klima?
2. Globale Erwärmung: Das Holozän
3. Globale Abkühlung: Die kleine Eiszeit
4. Kulturelle Konsequenzen der kleinen Eiszeit
5. Globale Erwärmung: Die moderne Warmzeit
6. Umweltsünden und Treibhausklima: Ein Epilog.

Wie man der Gliederung entnehmen kann, versucht Behringer von ca. 11.000 v.Chr bis heute die Kulturgeschichte des Klimas zu rekonstruieren - auf 288 Seiten. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch Behringer beschränkt sich auf das Wesentliche:

Er gibt dem gewillten Leser zunächst Auskunft über Klimaarchive, Erdatmosphäre, Treibhausgase, sowie Exo- als auch Endogene Einflüsse auf das Klima. Dieser Teil ist leicht verständlich und thematisch leicht zu greifen, da der Autor auf detailreiche Beschreibungen (bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Genauigkeit!) des Klimas verzichtet: Das Werk richtet sich an Geisteswissenschaflter - nicht an Meteorologen. Der erste Abschnitt ist also eine Einfühung, ein Vorspiel sozusagen.

Die Gliederungspunkte 2 bis 5 setzen sich mit den Interdependenzen zwischen Mensch und Natur auseinander. Wie konnte der Mensch die Weichsel-Eiszeit überleben? Welche Auswirkungen gab es in der Warmzeit des Holozäns? Wohin führte die kleine Eiszeit in der frühen Neuzeit? Fragen die Behringer verständlich und prägnant zu beantworten gedenkt.

Von besonders großer Aktualität ist der vorletzte Abschnitt: Neben der Entdeckung der Treibhausgase, wird sowohl die Angst vor einer nahenden Eis- bzw. Kaltzeit und der darauffolgenden Angst vor der globalen Erwärmung skizziert. Auch die Abkommen von Kyoto und die Installation des IPCC finden Erwähnung.



Nun mein Fazit zum Werk; zunächst das Positive:

Behringer präsentiert ein weiteres Werk, welches vor allem durch gute Formulierung, gutem Schreibstil und Kurzweil brilliert.

Seine Arbeit stützt er auf eine funiderte Quellenbasis, welche jedoch bei einem Prof. für Geschichte vorrausgesetzt werden kann.

Überdies versucht er als Historiker, jenes wissenschaftliche Desiderat – welches das Wetter bzw. das Klima in der Geschichtswissenschaft darstellt, zu befriedigen und bietet durch sein Grundlagenwerk anderen Historikern die Möglichkeit, Anknüpfungspunkte zu finden. Auch als positiv zu bewerten ist, dass Behringer in der aktuellen Debatte um den Klimawandel eher zur Mäßigung rät: Ob nun der Mensch am Wandel des Klimas Schuld ist oder nicht, das Klima existiert ohnehin. Das Klima veränderte sich auch ohne den Menschen, Behringer plädiert hier für mehr Gelassenheit, ohne dabei den Naturschutz aus den Augen zu lassen.



Nun zur negativen Kritik: Negativ zu bewerten ist zunächst, dass Behringer leider den Titel der Arbeit mehr oder minder unkommentiert lässt ("Kulturgeschichte des Klimas"). Natürlich lässt sich Behringer als Kulturhistoriker nicht auf das Spielchen ein, eine Definition von "Kultur" zu bringen (diese Diskussion wurde in den Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften bis zum erbrechen geführt, jedoch mit sehr sehr unterschiedlichen Ergebnissen...) – dennoch wäre ein Ansatz durchaus wünschenswert. Eine einfache Erklärung könnte sein, dass Behringer unter dem Schlagwort "Kultur" das Anthropogene versteht, welches bekannterweise unter dem Einfluss des Klimas steht. Der Mensch und die Natur, Abhängigkeit und Dominanz. Inwiefern dies zutrifft, lässt sich eventuell auch an Behringers Aufsatz in der HZ genauer klären.

Ebenfalls negativ ist zu beurteilen, dass Behringer historische Ereignisse in diesem Werk vernachlässigt: Sein Werk geht zu sehr in die breite, zu wenig in die Tiefe: Der Untergang Roms wird auf einer Seite erwähnt, der 30-Jährige Krieg kommt ebenfalls nur kurz daher. Der Fokus ruht bekannterweise nicht auf diesen Ereignissen, dennoch wäre eine genauere Betrachtung sicherlich ergebnisreich.

Einige Abschnitte wirken beinahe humoresk – und erinnern an den Natur- bzw. Umwelthistoriker Frank Uekötter: Ideen zur Bekämpfung der Eiszeit durch die US-Amerikaner (Sprengung des Nordpols mit Atombomben, schwarze Folien Südpol usw) sind unterhaltsam, aber tun kaum etwas zur Sache.



Ein Werk, welches weder polarisieren noch moralisieren möchte. Meiner Meinung nach ein Standardwerk der Geschichtswissenschaft, in einem Bereich welcher dringend besser erforscht werden müsste.

Man kann dieses Buch bei der Bundeszentrale für Politische Bildung für 4€ erstehen.


MfG

Arnulf Branghofer


PS: Für Rückfragen, Kritik und Verbesserungen bin ich danbkar.