Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Dieses Forum ist für die Analyse, Recherche und Dokumentation von Gewittern und deren Begleiterscheinungen (Hagelschlag, Downbursts, Blitzschlag, etc) gedacht.
Antworten
Oliver
Beirat
Beiträge: 1090
Registriert: Dienstag 28. September 2004, 21:14
Wohnort: Göttingen
Kontaktdaten:

Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Oliver » Mittwoch 26. Mai 2010, 11:59

Am Pfingstmontag liegt über der südlichen Hälfte Deutschlands eine feuchte subtropische Luftmasse, erkennbar an Theta-E zwischen ca. 40°C und 50°C. Etwa an der Grenze zu den Niederlanden im südlichen Emsland nimmt die Drängung der Isentropen zu; dort erkennt man die Kaltfront recht deutlich. Angetrieben wird die Kaltfront von einem Höhentrog, der von der Nordsee auf den Nordosten Deutschlands übergreift.

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

In der 500hPa-Geopotentialkarte ist der Trog deutlich zu erkennen, auffällig ist hier auch die Drängung der Isohypsen, die zu einem starken Höhenwindmaximum führen (in 300 hPa maximal 50 m/s über der südöstlichen Nordsee). Die Deformation des Strahlstroms deutet bereits an, dass sich über Nordostdeutschland eine Wellenstörung in der oberen Troposphäre befinden muss. Die Vorderseite dieses Kurzwellentrogs zeichnet sich durch starke Advektion zyklonaler Vorticity aus und liefert einen kräftigen Hebungsantrieb für die darunter liegenden Luftschichten.

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Über der Nordhälfte Deutschlands liegt zur selben Zeit dank eines starken horizontalen Gradienten in den Isohypsen der mittleren Troposphäre ein Windmaximum von 25 m/s in 700 hPa. Derart starke Winde in etwa 3 km Höhe ermöglichen in einer instabil geschichteten Umgebung die Entwicklung von sehr schnell ziehenden Gewitterzellen, die eine erhebliche Gefährdung durch schwere bis orkanartige Sturmböen mit sich bringen. Aber selbst in der Mitte der atmosphärischen Grenzschicht auf 925 hPa sind bereits verhältnismäßig hohe Windgeschwindigkeiten zu sehen. Für die Entstehung von Tornados ist insbesondere eine starke Windscherung in den untersten 2 Kilometern (je nach Höhe der Wolkenbasis) notwendig, damit genügend horizontale Vorticity bereitgestellt wird, die vom Aufwind in die Vertikale gekippt werden kann.

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Aus der vertikalen Windscherung und einiger anderer Größen lassen sich Vorhersageparameter für signifikante (>= F2) Tornados und Superzellen ableiten, der so genannte "significant tornado parameter" (STP) und der "supercell composite parameter" (SCP). Letzterer basiert vor allem auf der vertikalen Windscherung und der relativen Helizität in der Umgebung des Gewitters. Bei den Vorhersagekarten für die Helizität (storm relative helicity) ist allerdings Vorsicht geboten, da bereits kleine Abweichungen in der vorhergesagten Verlagerungsgeschwindigkeit des Gewitters zu signifikanten Fehlern führen. Ein geradliniger Hodograph mit reiner Geschwindigkeitsscherung hat bei geradliniger Bewegung des Gewitters mit dem Wind in 6 km Höhe einen SRH-Wert von 0 m²/s².

Bild
Quelle: http://www.lightningwizard.com" onclick="window.open(this.href);return false;

Bild
Quelle: http://www.lightningwizard.com" onclick="window.open(this.href);return false;

Um noch einmal auf die Instabilität zurück zu kommen, ist hier die Verteilung der konvektiv verfügbaren potentiellen Energie (CAPE) gezeigt. Bereits ein geringer Wert von wenigen 100 J/kg kann für Schwergewitter ausreichen, denn es kommt auf die vertikale Verteilung dieser Energie an! Geringe Labilität mit einer maximal 1°C wärmeren Paketkurve im Vergleich zur Umgebung bis zur Tropopause ist eher für Schwergewitter geeignet als ein lokales Maximum in der unteren Troposphäre mit einem thermischen Gleichgewichtsniveau in der mittleren Troposphäre. Zur Übersicht ist neben der Karte noch ein Radiosondenaufstieg der näheren Umgebung gezeigt (Meiningen 12 UTC)

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Bild
Daten: DWD
Visualisierung: Pieter Groenemeijer

Die Analyse der Bodenwetterkarte zeigt die Kaltfront über Norddeutschland und die Druckverteilung. Auffällig ist auf dieser Karte eine Konvergenzlinie, die sich über die nördlichen Teile von Sachsen erstreckt. Diese Konvergenzlinie führt dazu, dass der bodennahe Wind lokal aus südlichen bis östlichen Richtungen in die konvektiven Zellen hineinweht, während in den höheren Schichten westliche bis nordwestliche Winde dominieren. Diese lokale Richtungsänderung führt zu einer signifikanten Vergrößerung der Menge an SRH und damit zu einer Verschärfung der Unwettergefahr. Typisch für eine solche Wetterlage ist die Entwicklung von einigen Superzellen, die entweder isoliert oder entlang einer Linie auftreten. Ein Blick auf die Werte für Temperatur und Taupunkt verrät, dass die Wolkenbasen sehr niedrig liegen (Taupunktdifferenz regional nur bei 5°C !). Tiefe Wolkenbasen bei Superzellen in einer Umgebung mit starker Scherung in den untersten 800m sind ausgesprochen günstig für die Entstehung starker oder verheerender Tornados!

Bild
Daten: DWD
Visualisierung: Pieter Groenemeijer
Zeichnung: Oliver Schlenczek

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Bild
Quelle: http://www.wetterzentrale.de" onclick="window.open(this.href);return false;

Bereits um die Mittagszeit konnten die ersten Superzellen beobachtet werden. Die Hauptentwicklung, um die es in dieser Analyse geht, startet etwa gegen 12:00 UTC in der Nähe von Dessau. Aus einem nicht ganz abgeschlossenen Stormsplit hat sich eine Superzelle entwickelt, die mit hoher Geschwindigkeit (etwa 65 km/h) nach 120° Ostsüdost zieht. Im Verlauf ihrer Entwicklung wird sie einen Tornado hervorbringen, der nach der Theorie die längste Tornadoschneise in der deutschen Geschichte hinterlassen haben könnte. Zum Anfang ist noch kein deutliches Hakenecho erkennbar.

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Eine halbe Stunde später war die Zelle bei Bad Schmiedenberg angekommen und es wird erstmals eine Zweiteilung des Abwindbereichs in FFD (Richtung Nordosten) und RFD (Richtung Westen) erkennbar.

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Noch eine Viertelstunde später ist westlich von Torgau ein deutliches Hakenecho (hook echo) erkennbar. Einige wissenschaftliche Veröffentlichungen aus den USA (u.a. von Doswell und Brooks) stützen die Vermutung, dass bereits zu diesem Zeitpunkt ein Tornado auf dem Boden ist. Der Tornado befindet sich normalerweise an der inneren Spitze des Hakenechos, die zum Aufwind hin geneigt ist. Ab hier startet die Rekonstruktion der Tornadoschneise.

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Die Zelle verstärkt sich auf ihrem weiteren Weg und die Mesozyklone schnürt sich immer weiter ein. Gegen 13:40 UTC ist das Hakenecho auch auf den öffentlich zugänglichen Radarbildern klar und deutlich zu sehen. Es ist möglich, dass der Tornado zu dieser Zeit schon fast eine ganze Stunde aktiv war!

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Nun zieht die Zelle nördlich an Dresden vorbei, wobei sie es offensichtlich bis nach Polen geschafft hat. Das Hakenecho ist im Radarbild von 14:00 UTC immer noch sehr gut sichtbar, gegen 14:25 UTC ist es letztmalig zu erahnen ehe der Abschattungseffekt eine weitere Identifikation unmöglich macht.

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Das letzte Bild dieser Studie zeigt die rekonstruierte Tornadoschneise, basierend auf der Annahme, dass der Tornado auf der inneren Seite des Hakenechos so lange bestehen bleibt, bis das Hakenecho nicht mehr erkennbar ist. Es gibt einige Superzellentornados, die eine Schneisenlänge von über 100 Kilometern erreicht haben, allerdings wurde in Deutschland noch kein einziger derartiger Fall beobachtet. Die weiße Linie wurde über Bildbearbeitung mit bekannter Auflösung (200m pro Pixel) nachgemessen und besitzt eine Länge von 106 Kilometern (+/- 3 km). Die schwarze Linie markiert den südlichsten Bereich des Hakenechos, sie gibt eine ungefähre Abschätzung über die maximale Abweichung der tatsächlichen Schneise von der weißen Linie, die mit der Theorie noch vereinbar ist. Die Breite der eingeschlossenen Fläche liegt bei etwa 3 Kilometern.

Bild
Quelle der Radar-Rohdaten: Deutscher Wetterdienst, Offenbach
Visualisierung: RadVis

Die Schadensanalyse ist noch nicht abgeschlossen. Sobald der Verlauf der Schäden endgültig gesichert ist, wird eine zweite Analyse folgen, die die Theorie mit den festgestellten Schäden vergleicht.
Zuletzt geändert von Oliver am Dienstag 2. November 2010, 19:03, insgesamt 1-mal geändert.

Oliver
Beirat
Beiträge: 1090
Registriert: Dienstag 28. September 2004, 21:14
Wohnort: Göttingen
Kontaktdaten:

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Oliver » Mittwoch 26. Mai 2010, 19:34

Hätte mir doch mal einer sagen können, dass da für die SRH und den STP das falsche Datum drin war ;-) Fehler ist behoben.

Sebastian.K
Beiträge: 50
Registriert: Sonntag 22. Juni 2008, 15:33
Wohnort: Detmold
Kontaktdaten:

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Sebastian.K » Mittwoch 26. Mai 2010, 19:44

hey Oliver!
Danke für deine Einschätzung der Lage! An der Gewitterlage sieht man trotz doch eher geringen Cape und Temperaturen/Taupunkte, dass doch Scherung einer der wichtigsten Kriterien für Gewitter/Schwergewitter sind! Hier noch eine Karte die zum Zeitpunkt der SZ übereinstimmt. (Quelle: http://www.lightningwizard.estofex.org/" onclick="window.open(this.href);return false;)
Grüße
Sebastian

Benutzeravatar
Cumulus Humilis
1. Vorsitzender
Beiträge: 5701
Registriert: Mittwoch 18. August 2004, 19:39
Wohnort: Im Herzen von Rheinland-Pfalz

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Cumulus Humilis » Mittwoch 26. Mai 2010, 22:39

Hallo Oliver,

vielen Dank für die gut nachvollziehbare synoptische Analyse! In der Tat spricht hier einiges für die Möglichkeit eines langlebigen Tornados. Bin sehr gespannt auf die vergleichende Analyse der Schadensspur. Ob es sich wirklich um einen einzelnen Tornado gehandelt hat, dürfte dennoch nicht leicht zu klären sein. Daß keine Bilder des Tornados selbst aufgetaucht sind, wundert mich nicht, denn die Ausprägung des Hooks läßt stark vermuten, daß er vom Niederschlag verhangen (rain wrapped) war.

Deine Bemerkung zur SRH kann ich aus Beobachtungen des zeitlich hoch aufgelösten RUC-Modells in den USA nur bestätigen. Die Varianz der SRH-Prognosen ist gegenüber anderen Parametern augenfällig.

Das Potential der Lage wurde von Pieter in der ESTOFEX-Vorhersage ja gut erkannt. Leider ist bei uns das Konzept von Vor- und Akutwarnungen für die Bevölkerung weit hinter den USA zurück.

Gruß,
Andreas
--
Potz Blitz!

Benutzeravatar
Klaus B.
Beiträge: 526
Registriert: Mittwoch 3. Oktober 2007, 18:53
Wohnort: Dithmarschen
Kontaktdaten:

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Klaus B. » Donnerstag 27. Mai 2010, 19:49

Hallo zusammen,

vielen Dank für das "Review" der Lage, Oliver.

Ich würde mir wünschen, dass der DWD zu der Geschichte mal etwas mehr Aufklärungsarbeit leistet. Wie die Bilder von Andreas Friedrich gelegentlich zeigen, ist unser Wetterdienst technisch in der Lage vorhandene Mesozyklone(n) innerhalb eines Gewitters zu lokalisieren und zu markieren. Ob es nun ein oder mehrere Tornados waren, müsste doch zu klären sein.

Gruß, Klaus
Dithmarschen - das letzte Abenteuer Europas

Matze1184
Beiträge: 34
Registriert: Montag 5. Juli 2010, 10:57
Wohnort: Chemnitz(Sachsen)
Kontaktdaten:

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Matze1184 » Samstag 10. Juli 2010, 10:50

halli und hallo alle miteinander...
auch ich wollte mal meinen Senf zum Thema geben.Ich war an diesem Tag(um die Mittagszeit) in der Gegend um Großenhain unterwegs(hatte meine Oma in Riesa besucht) und hatte auf dem Rückweg leider Gottes keine Kamera am Start,aber ich habe dieses erschreckende Video on Youtube gefunden,was mich sehr beeindruckt hat(vielleicht haben es auch schon die meisten gesehen).
Es war vom Boden aus betrachtet eine riesige schwarze Wand(sieht aus wie ein Macroburst) und man konnte in der Tat keinen Tornado erkennen,aber ich bin erschrocken über das Ausmaß und den Anblick dieser riesigen schwarzen Unwetterfront,denn von Riesa aus betrachtet sah das ganze eher faszinierend als erschreckend aus.
Gar nicht auszumalen,was passieren würde,wenn sich eine solche Wetterlage bei den momentanen Temperaturen von,zum teil weit,über 30°C ereignen würde...
einfach der Wahnsinn!!!
[youtube]<object width="480" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/YK9BTeMXSHI&hl ... ram><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/YK9BTeMXSHI&hl=de_DE&fs=1" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="480" height="385"></embed></object>[/youtube]
...auf das der Matze richtig steht,wenn der Wind sich wieder dreht!

Mäxle
Beiträge: 6
Registriert: Dienstag 2. Oktober 2012, 12:50

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von Mäxle » Montag 19. November 2012, 16:22

Sebastian.K hat geschrieben:hey Oliver!
Danke für deine Einschätzung der Lage! An der Gewitterlage sieht man trotz doch eher geringen Cape und Temperaturen/Taupunkte, dass doch Scherung einer der wichtigsten Kriterien für Gewitter/Schwergewitter sind! Hier noch eine Karte die zum Zeitpunkt der SZ übereinstimmt. (Quelle: )
Grüße
Sebastian
Die Einschätzung war definitiv richtig und wie man im Youtube Video unten sieht, kam einer zu Stande. Nicht schlecht, würde ich sagen :)

Benutzeravatar
MeteoAnim
Beiträge: 4
Registriert: Montag 14. Januar 2019, 21:50
Wohnort: Groß-Gerau ( Wildes Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Die Schwergewitterlage vom Pfingstmontag (24.05. 2010)

Beitrag von MeteoAnim » Sonntag 24. Mai 2020, 18:35

:up:
☈ BRING THE THUNDER ☈

Antworten

Zurück zu „Dokumentationen, Analysen und Recherchen“