[Tornado] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

[Tornado] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Mittwoch 1. Oktober 2008, 19:03

Hallo,

die ersten Schadenmeldungen nach dem Frontdurchgang heute Nachmittag sind eingetroffen. In Marienthal gibt es offensichtlich mehrere von Schäden betroffene Grundstücke. Es wird von eingedrückten Türen, zerbrochenen Fenstern und umgerissenen Zäunen gesprochen. Etliche Dächer (Carports/ Schuppen ?) sollen z. T. schwer beschädigt worden sein. Da ich Marienthal sehr gut kenne, konnte ich schon am Telefon gezielte Fragen stellen.
Dabei ergab sich folgendes Bild:
- Zeitpunkt ca. 15.30Uhr MEZ (lt. Zeuge)
- die Schäden sind stark begrenzt, ob schneisenartig ist nicht klar
- es sind gegensätzliche Fallrichtungen beobachtet worden (ein Vordach lag wohl entgegengesetzt zur Zugrichtung)
- mindestens ein Fenster ist auf der Südseite eines Hauses eingedrückt worden
- mehrere Zeugen sprechen unabhängig voneinander von Rotation wärend des Durchgangs der Front

Am Freitag werde ich eine Zeugenbefragung durchführen und die noch vorhandenen Schäden aufnehmen.
Gleich nach dem Ereignis wurde viel fotografiert. Die Bilder werden mir zur Verfügung gestellt.

Grüsse Heiko
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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon knolt am Mittwoch 1. Oktober 2008, 20:43

Hi Heiko
Heiko Wichmann hat geschrieben:- es sind gegensätzliche Fallrichtungen beobachtet worden (ein Vordach lag wohl entgegengesetzt zur Zugrichtung)

- mehrere Zeugen sprechen unabhängig voneinander von Rotation wärend des Durchgangs der Front


Diese Angaben lassen den Verdacht in meinen Augen auf jeden Fall ziemlich interessant erscheinen, mal schauen was deine genauere Untersuchung zu Tage fördert. Die im 12z Temp aus Lindenberg aufgezeichneten Daten mit z.B. klar vorhandene Richtungs- sowie ausgeprägte Geschwingdigskeitsscherung in den untersten 1-1,5km sollte dabei einer möglichen Tornadoentstehung nicht im Wege gestanden haben.

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Gruß MAlte
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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Mittwoch 1. Oktober 2008, 22:05

Hi Malte,

knolt hat geschrieben: Die im 12z Temp aus Lindenberg aufgezeichneten Daten mit z.B. klar vorhandene Richtungs- sowie ausgeprägte Geschwingdigskeitsscherung in den untersten 1-1,5km sollte dabei einer möglichen Tornadoentstehung nicht im Wege gestanden haben.


genau so seh ich das auch. Das Kondensationsniveau sollte bei Annäherung der Front noch um einiges niedriger gelegen haben. Nach dem was ich von der Front gesehen habe deutlich unter 500m. Für das Gebiet wurden ja auch ordentliche Helizitätwerte gerechnet, was rotierende Aufwinde durchaus begünstigt .

Es soll bis in die Abendstunden hinein Feuerwehreinsätze gegeben haben, von umgestürzten Bäumen ist die Rede. Mal sehen ob, und dann was, morgen die örtliche Presse dazu schreibt.

Gruss Heiko
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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Mittwoch 8. Oktober 2008, 00:09

Hallo,

wie versprochen war ich in Marienthal und Umgebung unterwegs, um die am Mittwoch entstandenen Schäden zu dokumentieren. Zunächst einmal Entwarnung, denn die stärksten Schäden befinden sich knapp 300m östlich des Dorfes. Schon bei der Anfahrt ist mir aufgefallen das es bereits östlich von Gransee in zunehmender Anzahl Einzelschäden bis T1 Stärke gibt. Die Fallrichtungen sind immer nach NO. Zwei Querfahrten ergaben das es sich um einen ca. 2km breiten Korridor handelt. Bis Marienthal ergibt das eine Länge von ca. 9km. In diesem Bereich müssen flächendeckend Böen in T1 Stärke (abgebrochene Bäume an der Landstrasse zw. Gransee und Zehdenick, der Ortsverbindung zw. Mildenberg und Zabelsdorf, Ortslage Zabelsdorf bis Marienthal) aufgetreten sein.
In Marienthal verschaffte ich mir erst mal einen Überblick. Im südlichen Teil des Dorfes lagen noch viele abgebrochene Äste am Boden, leider schon von den Anwohnern zusammengetragen. Allerdings war dieser Bereich sehr schmal, wenn ich immer noch von einer SW nach NO Ausdehnung ausgehe. Im mittleren und nördlichen Teil des Dorfes konnte ich keine Schäden ausmachen. Zum Wentowsee gefahren, welcher westlich des Dorfes liegt, ergab, das dort an einigen Pappeln grosse Äste abgebrochen waren. Hier war die Ausrichtung eher von West nach Ost. Diese Schäden markieren wohl den Westrand des von mir beschriebenen Korridors.
Von der Dorfstrasse Richtung Osten biegt die Waldstrasse ein an deren Ende sich ein kleines Waldgebiet, mehrere Stiche (alte Tontagebaue) und ein noch nicht so altes Restloch des letzten Tonabbaus anschliessen. Hier konnte ich die stärksten Schäden auffinden, welche ich später beschreiben werde.


Eine Übersichtskarte. Quelle: http://www.openstreetmap.org/

http://img505.imageshack.us/img505/4071 ... halwn0.jpg
Dazu eine Legende,
- die roten Linien markieren den Korridor der Schäden / rot gestrichelt bedeutet zunächst unbekannt, wird noch erfasst
- blau markiert die erwähnten Einzelschäden
- die kurze schwarze Linie soll die Waldstrasse darstellen
- im Bereich der grünen Linie traten die stärksten Vegetationsschäden auf


Die Zeugenaussagen.
Alle beschreiben eine "schwarze Wand" welche vom Wentowsee kommend heranzog, starken Regen der daraufhin einsetzte und an Intensität weiter zunahm und dann das plötzliche Verändern des Himmels in ein schmutziges Weiss bis Hellgrau mit abrupt einsetzendem Sturm.

Die beiden Zeuginnen aus dem Dorf: "... und wir sahen wie alles verwirbelt wurde und rasant in Richtung Waldstrasse und Stiche zog. Das dauerte nicht mal eine Minute."

eine Zeugin aus der Waldstrasse: "... als der Sturm einsetzte sah ich aus dem Küchenfenster (nach Norden) . Über den gesamten Hof war ein 50cm breiter Nebelstreifen in 2m Höhe für ein paar Sekunden zu sehen. Dazu ohrenbetäubender Lärm. Ich bekam einen Schrecken sowas hab ich noch nie bei einem Unwetter gesehen. Dann war es auch schon vorbei und mein Vordach war weg."

Anmerkung von mir: Die Zeugin ist wetterinteressiert und aus meiner Sicht glaubwürdig. Durch ihr doch schon hohes Alter hat sie schon einiges an Unwettern erlebt. Ich halte diesen Nebel für einen durch Unterdruck erzeugten Kondensstreifen. Alle im Eingangsthread beschriebenen Gebäudeschäden sind im Umkreis von 50m um diese Erscheinung entstanden. Bei dem Vordach handelt es sich um das Eingangs beschriebene. Die gegensätzliche Fallrichtung ist hier geklärt. Es ist abweichend in Richtung NW beim Nachbarn im Garten gelandet. Die Entfernung zu den Schäden im Wald beträgt ca. 300m.


Die Bilder. Sie sind geordnet und zeigen den Verlauf der Zugbahn von SW nach NO. Die Länge beträgt ca. 2km.
Zunächst 2 Bilder aus dem Dorf mit noch nicht beräumten Schäden. Das erste Bild ist am Wentowsee - Kanal aufgenommen und zeigt eine abgebrochene Weide.
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Das Waldgebiet hinter der Waldstrasse
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Die abgebrochenen Äste einer Akazie weisen ein auffälliges Fallmuster auf. In Bezug auf die Zugrichtung liegen sie zyclonal um den Stamm herum. Ich hab das mal im Bild markiert. Das Ereignis würde von links nach rechts durchs Bild ziehen. Ich würde hier schon ein Indiz für Rotation sehen.
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Aus einer anderen Perspektive
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Am rechten östlichen Rand der nun deutlichen Schneise sind die abgebrochenen Kronen der Kiefern nach aussen an den Rand der Schneise gedrückt und dort abgelegt worden. Zur Orientierung habe ich eine Kiefer markiert.
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Der anschliessende Bereich ist völlig zerstört worden. Die Fallrichtungen gehen von NO über N bis NW. Im mittleren Bereich sind die Kiefern eher abgebrochen, währenddessen die Bäume um diese Mitte herum umgedrückt wurden. Was hier auffällt ist die Abweichung der Fallrichtungen in Richtung Nordwest.
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Nach einem Bereich von ca. 500m ohne Schäden, plötzlich eine sehr schmale ca. 30m breite Schneise in einer ehemaligen Tongrube. Das erste Bild sollte eine abgebrochene ungefähr 10-jährige Kiefer zeigen. Erst zu Hause hab ich gesehen wo sie lag. Sehr kurios, Fallrichtung? wäre Westen (wohl eher Flugrichtung).
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Dann noch unterschiedliche Fallrichtungen, ein Buchenzweig ohne Buche (die nächste steht ca. 200m entfernt, also verfrachtet) und gedrückte Kiefern hinter einer Birkengruppe.
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Weitere 500m weiter Richtung Nordost noch eine vorgeschädigte Buche die jetzt nach 16 Jahren den Rest bekommen hat und eine gebrochene Eiche.
http://img58.imageshack.us/img58/2784/img7036nf1.jpg
http://img126.imageshack.us/img126/3770/img7037we3.jpg

Zusammen mit den Zeugenaussagen ist das schon ein interessanter Fall, einige Indizien wie Verfrachtungen und Wurfmuster lassen einen Tornado, welcher mehrmals für kurze Zeit Bodenkontakt hatte, plausibel erscheinen. Die stärksten Schäden sehe ich im betroffenen Waldstück bei T3/F1 aufgrund des Totalschadens.


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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Norbert Rupsch am Mittwoch 8. Oktober 2008, 09:26

Hallo Heiko,

das konvergente Strömungsmuster ist ganz gut zu erkennen. Deshalb würde ich auch auf einen Tornado tippen. Dennoch wäre es gut, wenn der Rest der Schneise auch noch untersucht werden würde.

Schöne Grüße
Norbert
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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Samstag 18. Oktober 2008, 21:24

Hallo,

nordöstlich der von mir beschriebenen Schäden konnte ich bei einer Radtour am letzten WE keine weiteren Schäden finden. Allerdings ist dieses Gebiet komplett bewaldet und für private PKW gesperrt.

2 weitere Zeugen:

Im südwestlichen Teil Marienthals wurde ein hinter den Gärten gelegenes Feld auf dem Viehfutter wuchs komplett an den Boden angedrückt. Der Besitzer spricht von völliger Verwüstung des Feldes. Hier muss ich aber noch mal nachhaken.

Der 2. Zeuge hat in Gransee in der Nähe des östlichen Ortsausganges nach Zehdenick mit seinem PKW auf einem Parkplatz gestanden. Er beschreibt wie alle anderen Zeugen das zunächst sehr starker Regen einsetzte. Als dieser plötzlich aufhörte wollte er aus einem Einkaufsmarkt zu seinem PKW laufen. Dann das: "... gerade als ich die Kofferraumklappe öffnen wollte, wurde sie mir durch eine Böe fast aus der Hand gerissen. Ich sah mich um und konnte in Richtung Kraatz (SO) sehen wie sich Pappeln bedrohlich zur Erde neigten. Das ging alles sehr schnell, die Wolken kamen aus Richtung Zehdenick (O)."
Weiter konnte er nicht beobachten, da der Einkauf gerettet werden musste.


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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon knolt am Donnerstag 23. Oktober 2008, 21:30

Hi

Erstmal danke Heiko für seine Analyse. Die Verfrachtung des Zweiges ist natürlich ein interessantes Indiz, wie sicher bist du dir denn daß dieser Zweig durch Windeinwirkung dort hin befördert wurde und nicht durch hmm.. Mensch Tier o.ä.? Auch die Fallmuster der Bäume erscheinen mir tlw.doch eher chaotisch als gradlinig bzw. divergent.
Was mir bei diesem Foto aufgefallen ist, die Fallrichtungen der Kiefer und der Birken im Hintergrund scheinen mir fast entgegengesetzt zu verlaufen, oder täusche ich mich da?
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Womit ich nicht soviel anfangen kann sind die Zeugenaussagen, deren Beschreibungen für mich eigentlich beide Optionen offen lassen. Wäre vielleicht nochmal interessant wenn jemand mit merh Schadensanalyseerfahrung zu dem Fall nen Statement abgeben könnte

Gruß Malte
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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Donnerstag 23. Oktober 2008, 23:05

Hi Malte,

stimmt, die Zeugenaussagen lassen die Art des Ereignisses offen. Mag vielleicht daran liegen, das alle westlich zum Ereignis standen und die Sicht durch Niederschlag versperrt war. Ich denke wichtig ist das sich die Kernaussage aller Zeugen stark ähnelt und die Länge der Zugbahn untermauert werden kann. Ich bin von Freitag bis Sonntag dieser Woche vor Ort um weiter zu recherchieren.

knolt hat geschrieben:Die Verfrachtung des Zweiges ist natürlich ein interessantes Indiz, wie sicher bist du dir denn daß dieser Zweig durch Windeinwirkung dort hin befördert wurde und nicht durch hmm.. Mensch Tier o.ä.? Auch die Fallmuster der Bäume erscheinen mir tlw.doch eher chaotisch als gradlinig bzw. divergent.
Was mir bei diesem Foto aufgefallen ist, die Fallrichtungen der Kiefer und der Birken im Hintergrund scheinen mir fast entgegengesetzt zu verlaufen, oder täusche ich mich da?
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Die Kiefer ist 20m verfrachtet und dann entgegengesetzt zur Zugrichtung abgelegt worden. Ich fand das deshalb interessant, weil Kiefern in diesem Alter, höchstens 10 Jahre, noch sehr flexibel sind. Die Windwirkung muss massiv gewesen sein, um an dieser Stelle zum Bruch zu führen.
Ich halte es für unwahrscheinlich das die Kiefer nachträglich bewegt wurde, ausschliessen kann ich es aber nicht. Ich kann nur versuchen mit vielen Übersichtsfotos aus grösserer Entfernung zu arbeiten, um grösstmögliche Objektivität zu bieten. Natürlich mit dem Umstand, das mir das nur bedingt gelingen kann. In Bezug auf Zeugen und Medien kann ich andere Bundesländer nur beneiden. :wink:


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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Dienstag 28. Oktober 2008, 23:37

Hallo,

am WE bin ich dem Hinweis eines Marienthalers nachgegangen, das es östlich der Havel bei Burgwall grosse Schäden im Wald geben soll. Nach einigem Suchen konnte ich nordöstlich Burgwalls die ersten Schäden finden. Mein Verdacht, das sich die Marienthaler Schneise östlich der Havel fortsetzt, bestätigte sich.

Folgendes hat sich ergeben:
Ich bin eine ca. 2km lange durchgehende Schneise mit einer variierenden Breite von 50m bis 100m abgegangen. Sie ist aber wesentlich länger, dann allerdings schwächer ausgeprägt. Dafür sind die Indizien die für ein tornadisches Ereignis sprechen wesentlich eindeutiger und ausgeprägter als im Bereich östlich von Marienthal.
Die Gesamtlänge beträgt jetzt knapp 4km + den noch nicht gesichteten Teil. In der Gesamtheit ergibt sich nun ein sich schlängelnder Verlauf der Schneise.

Die ersten Bilder zeigen den Übergang vom ehemaligen Tontagebau zur Havel. Am gegenüberliegenden Ufer des Restloches befindet sich der Schaden den ich im ersten Bericht beschrieben habe. (ist nicht zu sehen)
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Nun der Bereich am östlichen Havelufer.
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Nach einem etwas schwächer ausgeprägten Teil, dann wieder starke Schäden. Neben einem konvergentem Fallmuster sind zur Schneisenmitte gebogene Kiefern zu sehen.
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Hier ist die Schneise ca. 100 m breit. Das konvergente Fallmuster ist an der östlichen Seite sehr schön zu sehen, alle Stämme sind in Richtung Schneisenmitte gefallen. Wieder gebogene Kiefern in Richtung Schneisenmitte.
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Der anschliessende und gleichzeitig letzte von mir gesichtete Teil weist z. T. gegensetzliche Fallrichtungen auf.
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Aufgrund der nun vorhandenen Faktenlage sehe ich hier einen Tornado als Verursacher der Schäden am wahrscheinlichsten. Die Intensität der Schäden sehe ich weiterhin bei T3/ F1.

Aus Zeitgründen nur diese verkürzte Fassung , ich habe aber noch ca. 160 weitere Bilder zu diesem Fall.

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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Toby86 am Mittwoch 29. Oktober 2008, 11:18

Erstmal Top zu allgemeinen Beschreibung und danke für diese bisher sehr ausführliche Untersuchung des Falles.

Besonders die Bilder 4, 7, 8, 9, 10 und 12 sind für mich doch sehr eindeutig einem Tornado zuzuordnen. Leicht bis große unterschiedliche Fallrichtungen, dazu die doch schon sehr stark gebogenen Kiefern und dazu der schon vorige Bildbericht von dir... also für mich sehr sehr eindeutig ein Tornado, auch diese Schneisenlänge gibt ein Indiz dafür... wie schaut´s eig. bei deinem Bericht mit Schäden außerhalb dieser Schneise, weil ich habe da weiter außerhalb sonst nix gesehen?

Deine Einschätzung auf F1/T3 stimme ich nach bisherigen Schäden zu, denke Forstexperte wird dazu aber auch nochmal nen kurzes Statement abgeben :lol:



GreeZ Toby



PS: einer der ersten Fälle wo ich sofort von einem Tornado sehr überzeugt bin, gibt aber noch einige Fälle aus 2008 die bisher noch auf Verdacht stehen, aber dennoch sehr richtung Tornado tendieren...
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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Heiko Wichmann am Mittwoch 29. Oktober 2008, 17:52

Hi Toby,

Toby86 hat geschrieben:... wie schaut´s eig. bei deinem Bericht mit Schäden außerhalb dieser Schneise, weil ich habe da weiter außerhalb sonst nix gesehen?


nein, ausserhalb dieser Schneise sind keine Schäden zu finden. Nur in unmittelbarer Nähe sind Einzelschäden zu finden, meistens Druckschäden oder Entwurzelungen. Wie schon geschrieben, aus Zeitgründen nur die harten Indizien. Hab aber Bilder gemacht die genau das sehr deutlich zeigen.

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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon knolt am Mittwoch 29. Oktober 2008, 18:02

Hi

Na das neue Material macht den Fall natürlich nochmals interessanter. Die im Nachtrag zu sehenden Vegetationsschäden dürften IMHO nur schwer allein durch einen Downburst oder sonstige gradlinige/divergente Winde erklärbar sein. Zusammen mit den schon erwähnten Verfrachtungen und dem Schneisenlänge/breite Verhältnis spricht schon vieles in Richtung T-Wort. Im Idealfall müssten jetzt noch eindeutigere Zeugenaussagen bzw. Fotos auftauchen.
Die neuen Bilder sind auf jeden Fall mal wieder ein Beispiel wie sich behaarliche Recherchearbeit auszahlen kann

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Re: [Verdacht] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Thilo Kühne am Mittwoch 29. Oktober 2008, 19:43

Hallo Heiko,

erst einmal ein großen Lob für deine Recherchen.

Bei vielen Bildern könnten als Ursache alles mögliche in Frage kommen, aber es gibt Foto, bei denen ich eine geradlinige Usache ausschließen mag. Besonders dieses hier:
Bild

Würd' gern noch weiter darauf eingehen aber die Zeit spielt mir momentan einen Streich.

Fazit von mir: Tornado nach Indizien (wobei, eine Beobachtung am Boden wurde ja auch berichtet)
Ich werde den Status auf "plausibel" setzen.

Grüße,
Thilo
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Re: [Plausibel] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Cumulus Humilis am Freitag 31. Oktober 2008, 09:53

Hallo,

ich sehe es auch so, daß hier ein "Plausibel" auf jeden Fall gerechtfertigt ist. Neben dem "Mikadowurfbild" das Thilo herausgehoben hat, sind ja, wie mehrfach schon erwähnt wurde, auch konvergente Fallmuster und zumindest eine bemerkenswerte Verfrachtung (Kiefernast) deutliche Indizen. Auch die Lange der Schadensspur ist m. E. besser durch ein tornadisches als durch ein geradliniges Windereignis zu erklären.

Vielen Dank an Heiko für die Mühe!

Gruß,
Andreas
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Re: [Plausibel] 01.10.2008 - Marienthal (OHV, Brandenburg)

Beitragvon Thomas Sävert am Freitag 31. Oktober 2008, 10:26

Hallo zusammen,

sorry, dass ich mich erst jetzt zum Fall äußere, aber leider fehlt mir oft auch einfach die Zeit.

@ Heiko: Vielen Dank für das umfangreiche Material und für die viele Zeit, die Du für die Analyse aufgewendet hast. Mein Kompliment für die Hartnäckigkeit und auch für die genaue Ausarbeitung.

Für einen Tornado und deutlich gegen einen Downburst als Ursache sprechen zum einen das Längen-Breiten-Verhältnis der Schneise, auch das Vorhandensein einer Schneise überhaupt und das Fallmuster sowie einzelne Verfrachtungen. Das von Thilo genannte Foto lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu, hier muss es zumindest kurzzeitig eine Verwirbelung gegeben haben. Zusammen mit dem übrigen Schadensbild sowie weiteren Schadensstellen mit konvergentem Fallmuster kann aber eine kurzzeitige Verwirbelung praktisch ausgeschlossen werden. Die Zeugenaussagen an sich sind schwer zu bewerten, aber in Zusammenhang mit der Schadenanalyse doch wieder brauchbar und daher für mich ebenfalls ein Tornadoindiz.

In einem Gerichtsprozess würde man einen mutmaßlichen Mörder als überführt annehmen. Er war vor Ort (vorhandene Schäden/Schneise), er hat deutliche Spuren hinterlassen (Fallmuster, Verfrachtungen) und ein Motiv hat er auch (Wetterlage passte). Die Augenzeugenberichte sind zwar für sich nicht eindeutig, aber passen zu den übrigen Indzien. Daher würde der mutmaßliche Täter zu einem rechtskräftig verurteilten Täter werden.

Grüße, Thomas Sävert
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